Die Naturfernen fürchten die Natur am meisten
Stadtbewohner neigen eher zum Klima-Alarmismus
Umfragen bieten erhellende Einblicke in den Klimastreit. Sie haben zum Beispiel offenbart, dass Pessimismus an mangelnde Bildung gekoppelt ist.
Eine Studie, an der 2066 Bundesbürger teilnahmen, veröffentlicht im März 2023 in der Fachzeitschrift „Climate Change“, ergab: Menschen machten sich umso weniger Sorge im Hinblick auf die globale Erwärmung, je mehr sie über das Thema wussten.
Auch der Wohnort spielt eine Rolle. Forscher untersuchten Klimawandel-Meinungen in 4.667 deutschen Gemeinden. Ergebnis: Urbane und wirtschaftlich prosperierende Räume zeigen deutlich höhere Klimawandel-Besorgnis als ländliche und schrumpfende Räume.
Eine neue Studie aus Österreich, die Menschen über 50 Jahre befragt hat, bestätigt den Befund: Ausgerechnet jene Menschen, deren Alltag am weitesten von Böden, Wäldern, Feldern, Schneelagen und saisonalen Schwankungen entfernt ist, berichten am häufigsten von zunehmenden Wetterextremen.
Landbewohner hingegen, obwohl sie laut Studie sogar ein höheres allgemeines Umweltbewusstsein haben, nehmen eine Zunahme von Wetterextremen deutlich seltener wahr.
Den Klimawandel bestätigen die Befragten meist. Ihre Wahrnehmung deckt sich bei Hitze und Schnee mit der Realität.
39,1 Prozent berichten eine starke, weitere 45,2 Prozent eine leichte Zunahme heißer Tage seit ihrer Kindheit. Deutlich höhere Durchschnittstemperaturen nehmen 28,3 Prozent wahr; 60,6 Prozent erkennen eine leichte Zunahme.
Der auffälligste Befund betrifft den Schnee: 91,1 Prozent nehmen eine Abnahme der durchgehenden Schneedecke wahr, davon 61,0 Prozent eine starke.
Aber die entscheidende Pointe der Arbeit liegt nicht darin, dass Menschen Klimaveränderung bemerken, sondern darin, wer sie wie stark einschätzt.
Die Forscher Jasmin Riederer und Lukas Richter haben Daten von 3.170 Menschen ab 50 Jahren aus Österreich ausgewertet.
Sie bildeten einen Index aus abgefragten Wahrnehmungen seit der Kindheit: heiße Tage, Dürren, Stürme, Starkregen/Überschwemmungen, Gewitter (Storms), durchschnittliche Temperatur und Wetterextreme insgesamt. Danach prüften sie, welche Eigenschaften mit einer stärkeren Wahrnehmung zunehmender Extreme zusammenhängen.
Das Ergebnis: Die Wahrnehmung ist sozial und räumlich geprägt. Der stärkste Prädiktor ist Umweltbewusstsein. Wer ohnehin stark umweltbewusst ist, nimmt eher eine Zunahme von Wetterextremen wahr.
Die Kausalrichtung bleibt dabei offen: Es kann sein, dass erlebte Wetterveränderungen das Umweltbewusstsein schärfen. Es kann aber ebenso sein, dass vorhandenes Umweltbewusstsein die Wahrnehmung sortiert: Man achtet stärker auf Abweichungen und deutet sie eher als Zeichen des Klimawandels.
Noch aufschlussreicher ist der Stadt-Land-Unterschied.
Gegenüber Bewohnern großer Städte nehmen Bewohner von Kleinstädten, Dörfern und ländlichen Räumen signifikant weniger Zunahme von Wetterextremen wahr. Ältere Menschen in ländlicheren Räumen erkennen laut Studie weniger Veränderungen bei Wetterextremen als Großstädter.
Eine Erklärung wäre: In der Stadt wirken manche Wetterextreme aggressiver. Asphalt, Beton, dichte Bebauung, wenig Schatten und gespeicherte Wärme können bei Hitze zur Belastung werden. Der Wärmeinsel-Effekt macht Hitze für manche spürbarer.
Eine zweite Erklärung ist mindestens so interessant: Auf dem Land wird Wetter anders gelesen. Wer mit Jahreszeiten, schwankenden Ernten, sich ändernden Böden, Frost, Trockenheit, Schneearmut, Gewittern und lokalen Schwankungen direkt vertraut ist, deutet Wetterereignisse möglicherweise eher als Teil langfristiger natürlicher Variabilität.
Nicht jedes ungewöhnliche Ereignis wird dann sofort zum Menetekel. Naturnähe kann nüchtern machen. Naturferne kann sensibilisieren oder dramatisieren.
Landbewohner erscheinen nicht als weniger naturbewusst. Im Gegenteil: Die Autoren berichten, dass ländliche Senioren beim allgemeinen Umweltbewusstsein höher liegen.
Trotzdem nehmen sie weniger Zunahme von Wetterextremen wahr.
Das widerspricht der bequemen Erzählung, Klimaskepsis oder geringere Alarmbereitschaft seien schlicht Folge von Ignoranz gegenüber Natur und Umwelt.
Es könnte auch andersherum sein: Gerade die größere Vertrautheit mit Natur macht vorsichtiger gegenüber der schnellen Deutung einzelner Wetterlagen als Extremtrend.
Die Studie belegt diese Interpretation nicht abschließend. Sie misst nicht direkt „Naturferne“, sondern Wohnort, Umweltbewusstsein und subjektive Wahrnehmung.
Wetterwahrnehmung ist kein neutrales Messinstrument. Sie ist geprägt von Umweltbewusstsein, Bildung, sozialer Lage – und vom Abstand zur Natur. Axel Bojanowski



