Das überraschende Geheimnis hinter dem Niedergang der deutschen Industrie
Wie die Verbannung bestimmter Experten die Energiewende zum Scheitern verurteilt
Ein Gastbeitrag von Alexander Schatten
Der Chemiker, Philosoph und Informatiker Alexander Schatten forscht in Wien bei SBA-Research/TU-Wien und arbeitet als Berater. Er war außerdem Geschäftsführer mehrerer Unternehmen. In seinem empfehlenswerten neuen Buch “Hexenmeister oder Zauberlehrling?” leuchtet er die Untiefen der Wissensgesellschaft aus. Sein Podcast Zukunft Denken beschäftigt sich mit Zukunftsthemen.
Prolog
Jede funktionierende technische Infrastruktur – sei es das Stromnetz, die Eisenbahn oder die Wasserversorgung – ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen evolutionären Prozesses. Was einmal als spielerische Innovation begann, wurde ernst, wenn es von der Gesellschaft angenommen und als nützlich erachtet wird.
Dann skaliert es und wird schließlich zur kritischen Infrastruktur, die nicht nur ein ganzes Land trägt, sondern auch die Basis neuer Innovationen bildet. Digitalisierung baut auf funktionierender Stromversorgung auf, ebenso Krisenschutz, Mobilität und Kommunikation. Fällt eine dieser Säulen aus, kollabiert auch der Rest des Gebäudes.
Die Energieversorgung einer Nation ist ein geradezu fundamentales Beispiel für solche lange und evolutionär gewachsene Infrastruktur.
Ein wesentlicher Aspekt solcher Entwicklung wird aber gerne übersehen: Auf diesem langen Weg wird enorm viel Expertise aufgebaut: nicht nur theoretisches Wissen, sondern vor allem praktisches, oft stilles (tacit) Wissen darüber, wie man ein derart komplexes System zuverlässig betreibt, wartet, repariert und behutsam weiterentwickelt.
Warum die Energiewende gescheitert ist
Wer versucht, ein solches gewachsenes System kurzfristig und radikal durch ein völlig anderes zu ersetzen zu wollen, begibt sich auf extrem riskantes Terrain.
Das Risiko wird geradezu existenziell, wenn dieser Umbau nicht von Menschen mit tieferen praktischen Expertise, sondern primär von „Wissenden” – also Akademikern, Modellierern, Think-Tank-Experten und Politikern – gesteuert wird, die selbst nie ein Kraftwerk betrieben, ein Übertragungsnetz stabilisiert oder eine Großstörung (Blackout) in der Realität bewältigt haben.
Die deutsche Energiewende ist das Lehrstück dafür, was passiert, wenn man die Unterscheidung zwischen explizitem, formalisierbarem Wissen und realer, erfahrungsbasierter Expertise ignoriert oder bewusst herabstuft.
(Die Erkenntnis, dass Wissen und Expertise unterschiedliche Dinge sind und deren Verankerung in der Gesellschaft bei weitem nicht so offensichtlich ist, wie in der Öffentlichkeit gerne dargestellt, ist fundamental für das Verständnis der heutigen Welt, das vertiefe ich in meinem Buch.)
Die zentralen Gründe für das Scheitern der deutschen Energiewende:
1. Überbewertung von expliziten, modellierbaren Wissens auf Kosten von Tacit Knowledge
Universitäten, Forschungsinstitute und Ministerien sind hervorragend darin, das zu lehren und zu bewerten, was sich in Gleichungen, Papieren und PowerPoint-Folien niederschreiben lässt. Genau dieses Wissen dominierte die Planung der Energiewende.
Das praktische Wissen jedoch – wie man ein 50-Hz-Wechselstromnetz bei stark schwankender Einspeisung tatsächlich stabil hält, wie man Großkraftwerke sicher und wirtschaftlich abschaltet, ohne dass das Licht ausgeht, oder wie man tausende Kilometer Hochspannungsleitungen in einem dicht besiedelten Land real baut – ist größtenteils tacit, nur durch jahrzehntelange Praxis erlernbar und lässt sich nicht einfach in ein Computersimulationsmodell gießen.
Dieses Wissen wurde systematisch entwertet und seine Träger (Ingenieure der alten Energieversorger, Netzbetreiber, Kraftwerksbauer) aus den Entscheidungsgremien ferngehalten oder gar diffamiert.
Die Energiewende wurde von Anfang an als gigantischer Modellversuch behandelt. „Wir haben das beste Modell“ war lange Zeit das Killerphrase gegen jede Kritik.
Inzwischen wissen wir: Keines der großen Energiesystemmodelle hat auch nur annähernd die tatsächliche Entwicklung von Kosten, Bauzeiten, Netzstabilität oder CO₂-Emissionen korrekt vorhergesagt.
Die Modelle waren in etwa so zuverlässig wie die Vorhersagen eines Wahrsagers – nur dass sie mit Supercomputern und Doktorgraden daherkamen und deshalb geglaubt wurden.
2. Revolution statt Evolution unter Nutzung verteilter Expertise
Aus der Überschätzung von Modellen und isoliertem Wissen folgte der zweite große Fehler: es gab keine Nation auf der Welt, die bisher eine gesamte Energieversorgung auf solch radikal neue Formen volatiler und unzuverlässiger Energieträger wie Wind und Sonne umgestellt hat.
Anstelle eines vorsichtigen und explorativen Vorgehens wurde die Revolution gewählt. Die Revolution isst aber bekanntlicherweise ihre Kinder, und genau dies erleben wir heute wieder.
Wie zuvor dargestellt, sind Wissen und vor allem Expertise aber in einer komplexen Gesellschaft extrem breit verteilt. Erfolgreiche Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass sie Mechanismen haben, diese verteilte Expertise auch tatsächlich einzubinden und mit „Skin in the Game“ zu verknüpfen.
3. „Often wrong, but never in doubt“ – Arroganz des akademischen und politischen Establishments
Über zwei Jahrzehnte hinweg erklärten Think Tanks, Institute und selbsternannte „Energiewende-Experten“, sie wüssten genau, wie man ein industrielles Hochleistungs-Stromsystem in kürzester Zeit umbaut.
Sie präsentierten immer neue Modelle, die exakt das zeigten, was politisch gewünscht war. Die reale Welt – Physik, Wetter, Materialermüdung, Lieferketten, Akzeptanz vor Ort, Naturschutz – spielte in diesen Modellen kaum eine Rolle. Kritiker aus der Praxis wurden als rückständig oder lobbygesteuert abgetan.
Die Revolution rächt sich nun, aber nicht für die vermeintlichen Experten. Die kleine Blase aus Entscheidungsträgern und Influencern in Politik, NGOs und hochsubventionierten Instituten entschied über den Umbau eines Systems, an dessen Funktionieren am Ende Millionen Arbeitsplätze und das Leben von 83 Millionen Menschen, sowie die Ökonomie der EU hängen – allerdings ohne, dass sie selbst nennenswert persönliches Risiko trugen. Das übernehmen nun alle Bürger Deutschlands und in Wahrheit der gesamten EU.
4. Vernichtung von Expertise durch Ideologie und Frühpensionierung
In den großen Energieversorgern wurden erfahrene Kernkraft- und Kohleingenieure in den Jahren 2011–2022 massenhaft in den Vorruhestand geschickt oder verließen frustriert das Unternehmen. Besonders die rein ideologisch getrieben Zerstörung der Kernkraftwerke muss als Generationenfehler bezeichnet werden.
Das praktische Wissen, wie man solche großtechnische Anlagen sicher und effizient betreibt, ging damit verloren.
Das Ergebnis ist bekannt: Das einst stabilste und preisgünstigste Industriesystem der Welt wurde innerhalb von 20 Jahren in ein teures, fragiles, wetterabhängiges Gebilde verwandelt, das nur durch massiven Stromimport und den Weiterbetrieb von Kohle- und Gaskraftwerken einigermaßen am Laufen gehalten wird.
Fazit
Die gescheiterte Energiewende ist somit leider ein Beispiel für die zentrale These: Wenn (vermeintliches) theoretisches Wissen echte, erfahrungsbasierte Expertise überschreibt, endet das selten in Fortschritt, sondern meist in tiefer Krise.
»The proof of the pudding is in the eating«, sagte Tom Sowell,
...und der deutsche Energiewende-Pudding ist leider ungenießbar — jedenfalls für Deutschland. Der Rest der Welt hingegen hat am deutschen Beispiel sowohl Wissen als auch Expertise aufgebaut.
Insofern hat Deutschland dem Rest der Welt einen Dienst erwiesen und gezeigt, wie eine Energiewende keinesfalls zu bewerkstelligen ist. Alexander Schatten


