Für die WELT AM SONNTAG habe ich mit den Energieforschern Mario Schenk und Michael Beckmann über die Energiewende gesprochen.
Ideologie, Lobby-Einfluss, extrem teuer – die beiden Professoren kritisieren in dem Interview die deutsche Energiewende scharf und fordern ein Moratorium für Windkraft und Solar. Gravierende Probleme seien ungelöst.
Lesen Sie hier in Kürze einige Aussagen der Experten.
Professor Michael Beckmann leitet seit 2007 den Lehrstuhl für Energieverfahrenstechnik an der TU Dresden

Professor Mario Schenk forscht im Gebiet Hochspannungstechnik und Elektrische Anlagen an der BTU Cottbus-Senftenberg

Wo steht die Energiewende?
Schenk: Aus meiner Sicht fehlt weiter eine ganzheitliche Betrachtung des Energiesystems mit dem Fokus auf Wirtschaftlichkeit und Kosten, Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit. Einzelne Lobbygruppen versuchen und schaffen es auch, ihre jeweiligen partikularen Brancheninteressen durchzusetzen. Eine Optimierung des Energiesystems hinsichtlich der genannten Kriterien des energiepolitischen Zieldreiecks findet nicht statt.
Beckmann: Zentrale Bausteine wie Speicher, Wasserstoff, Netze, Flexibilisierung, Reserveleistung und Marktmechanismen, um nur einige zu nennen, sind weder technisch noch wirtschaftlich – insbesondere im Zusammenwirken – in erforderlichem Maßstab erprobt.
Bereits rund 60 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien, ein Fortschritt?
Schenk: Naja, nur 21 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs werden über Strom gedeckt. Insgesamt haben Wind und Sonne nur einen Anteil von rund acht Prozent an unserem gesamten Energiebedarf. Es wurden aber bereits bis jetzt ungefähr 500 Milliarden Euro Subventionen für diese Entwicklung aufgewendet.
Wo hakt es besonders?
Schenk: Wegen der hohen Investitionskosten, der Einspeisevergütungen für die Erneuerbaren und der CO₂-Bepreisung haben wir unter den Industrieländern die nahezu höchsten Strompreise. Das beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und unseres gesamten Landes stark und führt zur Deindustrialisierung. Die gesicherte Leistung der regelbaren Kraftwerke sinkt von Jahr zu Jahr durch die unnötige Abschaltung und Zerstörung von Kraftwerken. Zudem sind wir bei dem Ziel, den CO₂-Ausstoß zu verringern, im Vergleich zu anderen Ländern nicht sonderlich erfolgreich. Deutschland hat ein extrem teures System aufgebaut, das trotz immenser finanzieller Transfers im internationalen Vergleich weder wettbewerbsfähige Preise liefert noch beim Klimaschutz erfolgreich ist.
Beckmann: Nach wie vor wird die Komplexität des Umbaus des Energiesystems unterschätzt. Die Aufgabe besteht nicht allein im Ausbau von Erzeugungskapazitäten bei Windkraft- und Solaranlagen, sondern im Aufbau und Zusammenspiel eines vollständig neuen Energiesystems mit Netzen, Speichern, gesicherter Leistung, Flexibilitätsoptionen und vor allem auch einem neuen Marktdesign. Dabei wird übersehen, dass wesentliche technische und wirtschaftliche Fragen noch nicht hinreichend entwickelt sind.
Schenk: Es fehlt uns nach wie vor das Leitungsnetz, um große Mengen Elektroenergie aus Wind und Sonne von weit entfernten Erzeugern dorthin zu übertragen, wo die großen Abnehmer sind.
Was ist mit Speichern?
Schenk: Wir haben größtenteils Pumpspeicherwerke, die Deutschland bilanziell rund 45 Minuten mit Elektroenergie versorgen könnten. Daran sieht man, welch gigantische und kostenintensive Aufgabe es wäre, längere Zeiträume mit Batteriespeichern zu überbrücken. Für Dunkelflauten von zwei Wochen ist dies mit Batterien schier undenkbar. Und bis Wasserstoffspeicher großtechnisch und kostengünstig im Terawattstunden-Maßstab verfügbar sind, werden noch Jahrzehnte vergehen. Ein Energiesystem, das auf volatilen Quellen wie Wind und Sonne plus Speichern basiert, ist systemisch immer teurer als ein System aus abgeschriebenen, regelbaren Großkraftwerken wie Kernkraft oder Kohle, die Strom genau dann produzieren, wenn er gebraucht wird. Speicher senken den Strompreis nicht. Sie sind das kostspielige Pflaster für ein instabiles System, um den Blackout zu verhindern.
Beckmann: Batteriespeicher sind Kurzzeitspeicher. Sie eignen sich zur Bereitstellung von Regelleistung sowie zum Ausgleich kurzfristiger Schwankungen, sie können jedoch eine mittelfristige sowie eine saisonale Energiespeicherung nicht ersetzen.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, den weiteren Ausbau von Wind- und Solaranlagen stärker an Netzkapazitäten, Speicher, Marktsignale und Systemkosten zu koppeln – Ihre Bewertung?
Beckmann: Die von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vorgeschlagenen Maßnahmen sind nach mehr als 25 Jahren Energiewende und der einseitigen Förderung von Erzeugung durch Windkraft und Solar mehr als dringlich. Der insbesondere bei Solar in den Sommermonaten starke Leistungsanstieg und -abfall belastet Netze und Strommarkt. Mittags entstehen oft sogenannte negative Preise, abends und nachts müssen regelbare Kraftwerksleistungen oder Importe abgerufen werden.
Schenk: Diese Maßnahmen sind überfällig! Es macht doch keinen Sinn, Elektroenergie dort zu produzieren, wo die Netze die Energie nicht aufnehmen können, und dann die Betreiber für den nicht erzeugten Strom zu entschädigen. Ich würde noch weiter gehen. Aus meiner Sicht sollte man die Abschaltung regelbarer, oft abgeschriebener Kraftwerke, sofort stoppen. In einer Zeit viel zu hoher Elektroenergiepreise und steigender Subventionen für erneuerbare Energien, die die Wirtschaft unseres Landes ersticken, sollte man jede günstig erzeugte Kilowattstunde erhalten. Es war aus meiner Sicht der vermutlich größte ökonomische Fehler Deutschlands, auf die nahezu CO₂‑freien Kernkraftwerke ohne Not zu verzichten, zumal die modernsten, aber bereits abgeschriebenen deutschen Kernkraftwerke Strom für nur rund drei Cent pro Kilowattstunde produziert haben. Neugebaute Kernkraftwerke in Südkorea liefern Elektroenergie zum etwa doppelten Preis.
Deutschland setzt auf Wind und Sonne – ein Fehler?
Schenk: Aus meiner Sicht macht derzeit der weitere, ungebremste Ausbau von Solar- und Windenergie aus volkswirtschaftlichen Gründen keinen Sinn. Es entsteht ein Überbau an installierter Leistung mit volatiler Erzeugung und geringen Volllaststunden bei schrumpfender gesicherter Leistung und geringerer Energieproduktion, der dazu führen wird, dass immer öfter negative Strompreise in sonnen- oder windreichen Zeiten entstehen werden, in denen der Strom dann in unseren Nachbarländern „entsorgt“ werden muss, da nicht ausreichend Speicher zur Verfügung stehen. Trotzdem wird dieser Strom den Produzenten positiv vergütet. Die Differenz zahlt die Allgemeinheit. Und in Dunkelflauten kaufen wir dann Strom bei den Nachbarn teuer ein.
Kernproblem der Energiewende?
Beckmann: Das Kernproblem der Energiewende besteht 2026 im Fehlen eines unter Realbedingungen erprobten Gesamtsystems. Erst auf dieser Basis könnte beurteilt werden, ob sich ein solches System marktwirtschaftlich im globalen Wettbewerb trägt.
Schenk: Solar- und Windkraft liefern nahezu keinen Beitrag zur gesicherten Leistung. Diese volatilen Erzeuger brauchen immer ein Backup aus konventionellen Kraftwerken, Kernkraftwerken, Batterien oder Wasserstoffspeichern. Dunkel- und Hitzeflauten kann man mit Batterien zu angemessenen Kosten aber nicht überbrücken. Volkswirtschaftlich bedeutet dies, dass wir zwei Energiesysteme parallel finanzieren und instandhalten müssen: das volatile System aus Wind und Solar für gute Wetterlagen und das steuerbare System aus Kernkraft, Kohle, Gas oder später Wasserstoff für schlechte Wetterlagen. Hinzu kommen die Netzausbaukosten. Das treibt die Systemkosten für die Endverbraucher und die Industrie unvermeidbar in die Höhe.
Wasserstoff soll Erdgas als Energiequelle ersetzen – sind Sie optimistisch?
Beckmann: Das ist keine Frage von Optimismus oder Pessimismus, sondern vielmehr die Frage der realistischen Größenordnung bei der Abschätzung der Aufgabe und der Zeit. Heute haben wir in Deutschland einen Bedarf an Erdgas von gut 800 Terawattstunden pro Jahr. Das wären auf der Basis des Heizwertes berechnet circa 24 bis 27 Millionen Tonnen Wasserstoff pro Jahr. Die derzeit in Deutschland produzierte Menge an Wasserstoff – hauptsächlich grauer Wasserstoff aus Erdgas – sind 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Aus dem Verhältnis wird die Größenordnung der Aufgabe deutlich. Dabei ist einerseits zu bedenken, dass die Produktionskapazitäten und die gesamte Wertschöpfungskette für grünen Wasserstoff weder in Deutschland noch weltweit in dem Maße heute ausgebaut oder verfügbar sind.
Macht die Energiewende Deutschland wirklich souveräner?
Beckmann: Die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte zeigt, dass die Energiewende „Made in Germany“ zu höheren Kosten und einer größeren Abhängigkeit, nicht nur von Energie, sondern auch von Rohstoffen und Produkten, führt. Durch die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke, vor der wir gewarnt hatten, wurde diese Abhängigkeit weiter verstärkt. Deutschland ist heute nicht mehr in der Lage, die gesicherte Leistung in der Stromversorgung aus eigener Kraft zu gewährleisten, wir sind somit auf Nachbarn angewiesen.
Behindert Ideologie die Energiewende?
Beckmann: Nach wie vor ist eine ideologische Vorfestlegung zu spüren, die auch durch wirtschaftliche Interessen und bestehende Förderstrukturen flankiert wird. Wo erhebliche Investitionen und Subventionen locken, entstehen lukrative Geschäftsmodelle, die naturgemäß verteidigt werden. Interview: Axel Bojanowski




