"Wir erleben eine Perversion der Aufklärung"
Physiker und Kabarettist Vince Ebert erzählt hier am Beispiel Klima, welche Einblicke ihm das Vertrauen in Politik genommen haben
“Dieselben Politiker, die mir unter vier Augen versicherten, dass die bevorstehenden Gesetzesvorlagen komplett irrational und kontraproduktiv sind, stimmten für den sofortigen Atomausstieg und das Gebäudeenergiegesetz”, erzählt Vince Ebert in diesem Gastbeitrag anlässlich seines neuen Buches "Wot Se Fack, Deutschland?: Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben".
Der Umgang mit der Erderwärmung ist eines der plakativsten Beispiele, wie man ein im Kern wissenschaftliches Thema durch übergroße Emotionalität und Gefühl so irrational aufheizen kann, dass darüber fast keine faktenbezogene, sachliche Debatte mehr möglich ist.
Es ist hochgradig irritierend, was viele durchaus gebildete Menschen zu diesem Thema so von sich geben. Ein befreundeter Gymnasiallehrer fragte mich neulich ernsthaft, wie ich denn die Möglichkeit einschätzen würde, dass Solarparks bald auch nachts genügend Strom liefern könnten. „Klar, wenn man die Anlage unter Flutlicht betreibt, ginge das“, antwortete ich.
Auch viele Politiker verstiegen sich in den letzten Jahren zu immer bizarreren Aussagen: „Das Netz ist der Speicher“, „Grundlast wird es in klassischem Sinne nicht mehr geben“, „die Sonne schickt uns keine Rechnung“ – ein wenig fühlte es sich an, als ob eine Gruppe von Leuten, die zu einer Tupperparty wollte, aus Versehen den falschen Eingang genommen hat und plötzlich im Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gelandet war.
Einblicke ins Klima-Dilemma
Die gesamte Rhetorik rund um das Klimathema trägt fast schon religiöse Züge: Man droht mit der Apokalypse, arbeitet mit Schuldgefühlen und verspricht Erlösung durch Buße und Verzicht: Flugscham, bei geringeren Temperaturen Wäsche waschen, Selbstgeißelung durch veganes Essen und Mülltrennen als moderne Form des Rosenkranzbetens.
Als studierter Physiker hielt ich das schon immer für eine ungute Entwicklung. Lädt man ein wissenschaftliches Thema parareligiös auf, missbraucht man damit die Wissenschaft als Instrument der absoluten Wahrheit. Und das ist antiaufklärerisch.
Über dieses Dilemma habe ich vor einiger Zeit ein Buch geschrieben: Lichtblick statt Blackout – Warum wir beim Weltverbessern neu denken müssen. Darin habe ich mich kritisch mit der deutschen Energiewende beschäftigt und einen alternativen Umgang mit dem Klimawandel zur Debatte gestellt.
Sind unsere klimapolitischen Maßnahmen sinnvoll und umsetzbar? Tun wir aus den richtigen Gründen das Falsche? Lassen wir uns beim Klimaschutz zu viel von Ängsten, Gefühlen und Wunschdenken leiten und zu wenig von Rationalität und Pragmatismus?
Das das Timing der damaligen Veröffentlichung war perfekt. Das Buch erschein im September 2022, punktgenau zum Beginn der Heizperiode. Die Energiekosten waren so hoch wie nie zuvor und jeder hatte Angst, den bevorstehenden Winter durch den Wegfall der russischen Gaslieferungen in einer eiskalten Wohnung verbringen zu müssen.
Offene Gespräche
Die Politik rief zum Sparen und zum Verzicht auf und im Netz kursierten massenweise abstruse Energiespartipps. Wussten Sie zum Beispiel, dass ein Deckenventilator viel weniger Strom verbraucht, wenn man vor dem Betrieb die Flügel abschraubt? Es sind überraschenderweise oft die kleinen Dinge, die viel bewirken können.
Als Lichtblick statt Blackout herauskam, hatte ich ernsthafte Bedenken, dass meine satirischen Überspitzungen über die aufgeheizte Klimadebatte zu meiner gesellschaftlichen Exkommunizierung führen könnten. Glücklicherweise blieben die öffentlichen Attacken aus. Und: Das Buch schoss gleich in der ersten Woche auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste und hielt sich ein Jahr lang unter den „Top Ten“.
In den Medien wurde es positiv besprochen und ich erhielt in der Folge viele Einladungen zu Fachvorträgen und Symposien. In dieser Zeit nahmen fast tagtäglich Wissenschaftler, Verbandsfunktionäre und Konzernlenker Kontakt zu mir auf; wir sprachen offen, sachlich und angenehm ideologiefrei über die Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten der deutschen Energie- und Klimapolitik.
Traurige Realität
Als sich schließlich sogar mehrere Politiker der damaligen Bundesregierung bei mir meldeten und mir bei vielen meiner Kritikpunkte recht gaben, war ich optimistisch. Wir scherzten über die unausgegorenen Aktionen der Klimakleber, waren uns einig darüber, dass der bevorstehende Komplettausstieg aus der Kernenergie in einer Phase unsicherer Energieversorgung aufgrund des Ukrainekrieges ziemlich bescheuert ist, und schüttelten die Köpfe über die Gesetzesvorlage, den Einbau von Gasheizungen verbieten zu wollen.
Hatte ich möglicherweise die Offenheit der Regierung unterschätzt? Sind unsere Politiker vielleicht doch nicht so ignorant, unwissend oder ideologisch verblendet, wie ich dachte? Ich schöpfte Hoffnung.
Leider wurde ich nur kurze Zeit später mit der traurigen Realität konfrontiert: Dieselben Politiker, die mir unter vier Augen versicherten, dass die bevorstehenden Gesetzesvorlagen komplett irrational und kontraproduktiv sind, stimmten für den sofortigen Atomausstieg und das Gebäudeenergiegesetz.
Gruppendruck und Feigheit
Entgegen der Meinung vieler Bürger, Politiker seien oft nicht sehr intelligent, habe ich die Erfahrung gemacht, dass dem nicht so ist. Viele führende Politiker sehen die Situation realistisch und reflektiert. Dass sie trotzdem unkluge und teilweise verheerende Entscheidungen treffen, hat meines Erachtens viel mit Phänomenen wie Gruppendruck, Mitläufertum, Karrierismus oder Feigheit zu tun.
Rückblickend waren es diese frustrierenden Einblicke, die mir einen erheblichen Teil des Vertrauens in unsere politischen Prozesse genommen haben.
In meinem neuen Buch “Wot Se Fack, Deutschland?” kommen genau diese Gedanken zum Ausdruck. Denn es fällt mir immer schwerer, über die Art und Weise, wie Deutschland regiert wird, nicht zynisch und verbittert zu werden.
In so manchen privaten Gesprächen mit aktuellen und ehemaligen Politikern erfuhr ich sehr viel über interne politische Strukturen. Parteiübergreifend erzählten sie mir, dass unser Parteiensystem so aufgebaut ist, dass es Leute nach oben bringt, die gelernt haben, innerhalb einer kleinen Gruppe von parteipolitischen Strippenziehern zu funktionieren.
Problemlöser aussortiert
Keiner, der in einer Partei Karriere machen will, wird sich ernsthaft gegen die Parteilinie stellen, denn unorthodoxe Geister oder echte Problemlöser werden mittels des Listensystems konsequent aussortiert oder sie schaffen es gar nicht erst über die Kommunalebene hinaus.
Dadurch findet sich in politischen Spitzenfunktionen fast automatisch eine große Zahl weltfremder Ideologen, anpassungsfähiger Mitläufer oder mutloser Duckmäuser.
Zudem ziehen Parteien Personen an, die in anderen Bereichen, der freien Wirtschaft zum Beispiel, kaum Aussicht haben, in eine vergleichbare Führungsposition zu kommen, da dort Fähigkeiten gefragt sind, die für eine Parteikarriere leider nicht nötig sind.
All diese Fehlanreize führen dazu, dass Parteien so gut wie keine Lernkurve haben oder mit Personen besetzt sind, die nicht in der Lage sind, echte Veränderungen durchzusetzen.
Was wir bräuchten
Um diesen bedauernswerten Zustand im Kern anzugehen, bräuchten wir wohl eine grundsätzliche Reform des Wahlsystems, ein Mehrheitswahlrecht vielleicht oder eine direkte Demokratie, die Begrenzung der Mandate auf zwei Legislaturperioden, mehr Bürgerentscheide, die Abschaffung des Listensystems … – es gäbe eine Menge Möglichkeiten, unser politisches System effizienter und demokratischer zu gestalten.
Das wird natürlich nicht passieren, da die politischen Protagonisten von dem aktuellen System profitieren und keinerlei Interesse an einer Veränderung haben.
Wie also geht es weiter mit diesem Land? Besteht trotz der verbreiteten Unvernunft und der Fehlentscheidungen, die wir in den vergangenen Jahren getroffen haben, Hoffnung auf Besserung?
Selbstzersetzende Wirkung
Ist unsere Gesellschaft ein Auslaufmodell oder schaffen wir es, aus den Fehlern zu lernen, unsere liberalen Werte zu bewahren und uns gleichzeitig an eine immer komplexere Welt anzupassen? Immerhin war eine konstruktive Fehlerkultur seit jeher das herausragende Kennzeichen der Aufklärung.
Diese große Stärke der westlichen Kultur, sich selbst kritisch zu hinterfragen, hatte leider auch immer eine Kehrseite. Wer buchstäblich alles infrage stellt, stellt auch seine eigene Existenz infrage.
Und das hat eine potenziell selbstzersetzende Wirkung. In den vergangenen Jahren ist unsere Fähigkeit zur Selbstkritik in Selbsthass und Selbstverleugnung umgeschlagen. Wir erleben eine Perversion der Aufklärung. Vince Ebert
In seinem neuen Buch "Wot Se Fack, Deutschland?: Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben" beschreibt Vince Ebert, wie Politik und Ideologie über Wissen und Tatsachen gestellt werden - der Zeitgeist habe sich mehr und mehr von der Wissensgesellschaft und einer offenen Debattenkultur verabschiedet; hier lässt sich das Buch bestellen.
Ich habe mich mit dem promovierten Landwirt Willi Kremer-Schillings (Bauer Willi) darüber unterhalten, warum Medien zum technophoben Katastrophismus neigen.
Anlass war mein neues Buch “33 erstaunliche Lichtblicke, die zeigen, warum die Welt viel besser ist, als wir denken”, illustriert mit mehr als hundert mehrfarbigen Abbildungen und Tabellen. Es erzählt von grundlegenden Sensationen des Fortschritts, die ignoriert werden; es lässt sich hier bestellen.
In meinem Buch „Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ erzähle in 53 Geschichten von der Klimaforschung zwischen Lobbyinteressen und Wissenschaft:





