Der verschollene Klimaforscher
Mysteriöser Fall eines russischen Klimaforschers bietet Einblicke in politische Intrigen ums Klima
Vor 40 Jahren verschwand der russische Klimaforscher Wladimir Alexandrow in Spanien und wurde nie wiedergesehen. Er galt als einer der international bekanntesten Wissenschaftler seines Landes mit besten fachlichen Kontakten im Westen. Die Suche nach ihm dauert an.
In den Monaten vor seinem Verschwinden hatte Alexandrow bei befreundeten Kollegen in den Vereinigten Staaten gewohnt, mit denen er an seinem Spezialthema arbeitete: die Berechnung möglicher Klimafolgen eines Atomkriegs.
Dazu hielt Alexandrow auch am 31. März 1985 einen Vortrag im spanischen Córdoba. Schon bei seiner Ankunft am Vortag geschah Sonderbares.
Die Ankunft
Am Flughafen wartete ein Fahrer, der ihn abholen sollte, mit einem Schild, auf dem Alexandrows Name stand. Als dieser sich dem Chauffeur näherte, gingen Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft dazwischen, begrüßten den Wissenschaftler und sagten, sie würden ihn in ihre Obhut nehmen.
Dem Fahrer boten sie an, ihnen zu folgen und vor der Botschaft zu warten. Als der Forscher nach einer halben Stunde aus dem Gebäude kam, habe er sich seltsam benommen, erzählte der Chauffeur.
Gerade ins Auto gestiegen, verlangte er sofort, in eine Bar gefahren zu werden – in irgendeine Bar. Nach zehn Minuten am Tresen sei ein kreidebleicher Alexandrow vollkommen betrunken zum Auto zurück getorkelt.
Seine Kollegen in Córdoba reagierten perplex, nachdem sie von seinem Zustand erfahren hatten – Alexandrow war ihnen nie mit Alkoholproblemen aufgefallen. Sie wunderten sich auch über den dicken Batzen an US-Dollar in seiner Brieftasche.
Normalerweise erhielten sowjetische Wissenschaftler für Aufenthalte im Westen die lokale Währung, und sie mussten ihre Ausgaben nach ihrer Rückkehr genau abrechnen. Nach Ankunft in seinem Gästezimmer, das ihm die Stadt Córdoba zur Verfügung gestellt hatte, zog Alexandrow durch die Kneipen der Stadt, wo ihn die Polizei mitten in der Nacht vom Boden auflas.
Der Auftritt
Sein Vortrag am nächsten Morgen um 10 Uhr enttäuschte die Zuhörer. Keine inhaltlichen Neuigkeiten und kurze, uninspirierte Antworten auf Nachfragen. Die Gedanken des Forschers kreisten anscheinend um das, was danach geschehen würde.
Zu einer Pressekonferenz erschien er nicht, stattdessen soll er wieder in Bars gegangen sein.
Die Organisatoren der Konferenz stellten zwei Bedienstete der Stadt ab, um Alexandrow zur sowjetischen Botschaft in Madrid zu fahren. Vorher riefen sie dort an, um über das rätselhafte Verhalten des Wissenschaftlers aufzuklären.
„Dies könnte seinen Untergang bedeutet haben, den sowjetischen Behörden im Voraus mitzuteilen, dass es für sie ein Problem zu lösen gab“, schreibt der Journalist Andrew Revkin in einer Reportage 1986, in der er den Fall rekonstruiert.
Die Rückfahrt
Auf der Autofahrt nach Madrid habe Alexandrow bei jedem Restaurant, das sie passierten, „Stopp!“ gerufen, erzählten seine Gefährten. Aber sie hielten nicht an.
In Madrid angekommen rief er „Flughafen!“, doch der Fahrer ignorierte den Wunsch – fatalerweise. Als Alexandrow die sowjetische Botschaft sah, versuchte er das Steuer herumzureißen und sei sogar gewalttätig geworden, berichteten die Begleiter.
Als das Auto vor der Botschaft zum Stehen kam, sprang Alexandrow heraus, versuchte wegzulaufen, aber ein Botschaftsmitarbeiter fing ihn ein. Berichten zufolge soll der Forscher später seinen Koffer in ein Zimmer im Hotel Habana gebracht, dort aber nicht geschlafen haben, und später noch mit der Bitte um spanischen Wein im Bingo-Salon aufgetaucht sein.
Das Verschwinden
In jener Nacht des 31. März 1985 verliert sich die Spur von Wladimir Alexandrow für immer. Rezeptionisten des Hotels erzählten, Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft seien kurz darauf erschienen, um das Gepäck des Wissenschaftlers abzuholen und die Rechnung zu bezahlen.
Drei Monate blieb alles geheim. Seine Kollegen hatten sich geeinigt, über die Ereignisse in Córdoba zu schweigen – für den Fall, dass Alexandrow zum Westen übergelaufen war oder sich versteckte, wollten sie ihn nicht gefährden.
Später bereuten sie ihre Strategie, denn die Ereignisse blieben ungeklärt. Hätte schnelles Alarmschlagen und internationaler Druck ihn womöglich retten können?
Später berichtete das Wissenschaftsmagazin „Nature“ über den Fall, große Zeitungen griffen die Geschichte auf. Jetzt wurde spekuliert: War Alexandrow ein Spion? Für die USA? Oder für die UdSSR? Hatten die Sowjets ihn kaltgemacht? Konnte er Opfer eines Unfalls gewesen sein?
Seine Leiche wurde nie gefunden. Im Herbst nach seinem Verschwinden erschien ein Buch in der Sowjetunion, das den Forschungsstand über die Klimafolgen eines Atomkriegs zusammenfasste. Alexandrows Name kam darin kein einziges Mal vor, seine Studien hingegen schon.
Der Vermerk
Seine Witwe erhielt keine Unterstützung seitens der Regierung, sowjetische Wissenschaftler mussten Geld für sie sammeln. Besonders eine Frage trieb seine Freunde um: Was hatte Alexandrow so stark bedrückt, dass er sich in Córdoba ständig betrinken musste?
Die zwei Jahre vor den Ereignissen waren akademisch seine erfolgreichsten gewesen; seine Berechnungen zum Atomkrieg bescherten ihm international Renommee. Kurz vor der Konferenz in Córdoba hatte es jedoch Probleme gegeben.
Im Reisepass des Forschers fand sich ein handschriftlicher Vermerk der amerikanischen Botschaft: „Kein direkter oder indirekter Zugriff auf Supercomputer in den Vereinigten Staaten erlaubt“ – eine äußerst ungewöhnliche Maßnahme; die Sorge vor dem wissenschaftlichen Überflieger aus dem verfeindeten Block schien groß gewesen zu sein. Auch seine Studienergebnisse bereiteten Sorgen.
So kritisierte ein Report des US-Verteidigungsministeriums die extremen Prognosen Alexandrows: Die Folgen nuklearer Explosionen hätten ihm zufolge die Welt in eine kleine Eiszeit stoßen können. Seine Kollegen berichteten, dass er im privaten Gespräch bereits auf Distanz zu seinen aufsehenerregenden Vorhersagen gegangen war.
Die Verstrickung
Offenbar befand er sich in einer Zwickmühle, denn die Kommunistische Partei bevorzugte die Prognose dramatischer Konsequenzen eines Atomkriegs, um den Westen damit unter Druck zu setzen. Ein politischer Konflikt hatte sich entwickelt – mit der Klimaforschung mittendrin.
Schon vorher, im Juni 1982, waren die renommierten Atmosphärenforscher Paul Crutzen und John Birks in einer Studie für die Schwedische Akademie der Wissenschaften zu dem Schluss gekommen, ein nuklearer Schlagabtausch würde die Atmosphäre auf Jahre derart verdunkeln, dass ein Massenaussterben wie beim Einschlag eines Riesenmeteoriten zu befürchten wäre.
Die Klimamodellierungen zum Atomkrieg dienten als politische Waffe sowohl im Streit zwischen den USA und der UdSSR als auch innerhalb der USA.
Sowjetunion und Friedensaktivisten nutzten die Warnungen vor einem „nuklearen Winter“ gleichermaßen als Argument für Abrüstung. Die Sowjets wollten die sich verstärkende militärische Überlegenheit der Amerikaner mit einer bombastischen Drohkulisse bremsen.
Bekannt ist, dass die UdSSR die Friedensbewegung im Westen funktionalisierte? Konnte womöglich auch die Klimaforschung mit ihren Modellen zum nützlichen Idioten des Gegners geworden sein?
Manche betrieben das Geschäft der Sowjetunion. Obwohl ihre Modellierungen wenig verlässlich waren, gingen Wissenschaftler damit in die Offensive. Der Rockefeller Family Fund gewann den weltberühmten Fernsehstar und Physiker Carl Sagan dafür, Aufsätze über die dramatischen Folgen eines nuklearen Winters zu veröffentlichen.
Dieser war, wie die meisten seiner im linken Milieu verhafteten Kollegen in der Klimaforschung, ein Gegner der Reagan-Regierung, die massive Aufrüstung plante. Pünktlich zu einer Konferenz der Friedensbewegung in Washington 1983 veröffentlichte Sagan ein mahnendes Resümee auf Grundlage von Modellierungen eines nuklearen Winters.
Die Liste der an der Tagung beteiligten NGOs liest sich wie die der Klimaproteste Jahre später: Friends of the Earth, der Environmental Defense Fund, die International Union for the Conservation of Nature und 28 andere nahmen teil. Im Beirat der Konferenz saß der Klimaforscher Bert Bolin, der 1988 erster Vorsitzender des UN-Klimarats IPCC werden sollte, zusammen mit Vertretern der Sowjetunion.
Große Medien griffen Sagans Berechnungen auf und malten die Apokalypse eines nuklearen Winters in grellen Bildern. „Es besteht die reale Gefahr eines Aussterbens der Menschheit“, teilte Sagan mit, dessen Berechnungen im Wissenschaftsmagazin „Science“ erschienen waren.
Die Konspiration
Der Physiker Russell Seitz kritisierte die Studie: Er warf Sagan vor, sein Modell gezielt so eingestellt zu haben, dass es einen besonders gravierenden nuklearen Winter auswarf. Große Mengen Ruß in der Atmosphäre, die das Sonnenlicht nach einem Atomkrieg angeblich blockieren würden, seien in die Simulation geschmuggelt worden, schrieb Seitz.
Diese hätten sich nicht aus der Programmierung heraus „von selbst“ im Modell gebildet, sondern gingen auf eine vorsätzliche Manipulation zurück. Deshalb sei der errechnete Abkühlungseffekt unglaubwürdig. Die Abrüstungsaktivisten hingegen sahen in Seitz’ Kritik eine Attacke „von rechts“ gegen die Klimaforschung.
2009 behauptete das Buch „Comrad J – The Untold Secrets of Russia’s Master Spy in America After the End of the Cold War“, in dem der Autor Pete Earley den sowjetischen Spion Sergei Tretjakow zitiert: Der KGB habe den Mythos des nuklearen Winters inszeniert, um Friedensdemonstrationen in der Bundesrepublik Deutschland zu provozieren.
Dazu sollen Wissenschaftler der UdSSR Anfang der 1980er-Jahre ihre Simulationsergebnisse über die Folgen eines Atomkriegs an Friedensaktivisten im Westen geschickt haben, wohl wissend, dass diese „lächerlich“ waren.
Die Schwedische Akademie der Wissenschaften sei jedoch auf die Anregung angesprungen, woraufhin Crutzen und Birks 1982 im Magazin der Akademie ihren wegweisenden Aufsatz publizierten, der das Thema wissenschaftlich auf die Agenda setzte.
Doch die Sowjetunion kapitulierte Ende der 1980er-Jahre vor der Aufrüstung der USA, und die Studien über die Folgen eines nuklearen Schlagabtauschs gerieten in Vergessenheit. Wladimir Alexandrow aber blieb in Erinnerung. Axel Bojanowski
Der Text ist ein gekürzter Ausschnitt aus meinem Buch „Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Der Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft“, kürzlich erschienen im Westend-Verlag.
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