Entlarvende Umfrage
Milieu und Vermögen bestimmen die Meinung zum Klimawandel
„Was Menschen über die globale Erwärmung glauben, ist kein Maß dafür, wie viel sie wissen oder wie besorgt sie darüber sind; es ist Ausdruck ihrer kulturellen Identität”, resümiert der Verhaltensforscher Dan Kahan von der Yale Law School nach jahrelangen Experimenten zum Klimawandel.
Eine repräsentativen Umfrage in Deutschland bestätigt nun seinen Befund. Das Sinus-Institut für Markt- und Sozialforschung teilt die Bevölkerung in einem Gesellschaftsmodell in zehn ungefähr gleich große Gruppen mit „ähnlichen Werten“.
Das Klima-Thema treibt dem Institut zufolge vor allem die finanziell gut abgesicherte Oberschicht und die obere Mittelschicht um – mit einer Ausnahme: Das neo-ökologische Milieu der Mittelschicht, dem viele Medienschaffende und jüngere Leute angehören, zeigt ebenfalls großes Interesse am Klima.
Die Umfrage zum Klimawandel des Sinus-Instituts basiert auf einer repräsentativen Umfrage vom Herbst vergangenen Jahres unter gut 2000 Teilnehmern in Deutschland im Auftrag des Vereins „heimatwurzeln“. Für WELT hatte ich neulich darüber berichtet, hier präsentiere ich nun die Folien der Umfrage.
Während die wohlhabenden Bürger und die neo-ökologischen weiterhin große Zustimmung zum Klimaschutz zu Protokoll geben, fällt das Thema in anderen Milieus durch.
Zwar sagt eine knappe Mehrheit der Befragten, dass Klimaschutz gesellschaftlichen Schaden verhindern könnte, doch in vier Milieus der Mittel- und Unterschicht sind rund zwei Drittel anderer Meinung.
Wenn es um die wirtschaftlichen Folgen von Klimaschutz-Maßnahmen geht, offenbart sich eine noch deutlichere Spaltung: Nur das post-materielle Milieu der Oberschicht, das sich um Materielles nicht sorgen muss und Bekenntnisse als Statussymbole ausstellt, macht sich großteils keine Sorgen deswegen.
Ansonsten glaubt die Mehrheit aller anderen neun Milieus nicht daran, dass Klimaschutz ökonomisch von Vorteil wäre. Größte ökonomische Skepsis zeigen das prekäre Milieu der Unterschicht sowie das nostalgisch-bürgerliche Milieu der Mittelschicht, in denen rund neun von zehn Befragten sich pessimistisch äußern.
Die Hälfte aller Befragten glaubt, dass Klimaschutz es ihnen erschweren wird, Geld zu sparen – auch dabei zeigt sich deutlich die Zweiteilung: Wohlhabende äußern sich mehrheitlich entspannt, ärmere sorgenvoll. Ausnahme: Obwohl das neo-ökologische Milieu großenteils zur unteren Mittelschicht gehört, sieht es mehrheitlich nicht das Problem.
62 Prozent der Umfragen-Teilnehmer meinen, dass die Bekämpfung des Klimawandels die Lebenshaltungskosten erhöhen wird. Nur das gut ausgestattete post-materielle Milieu glaubt mehrheitlich nicht daran. Im prekären Milieu und im nostalgisch-bürgerlichen indes sorgen sich mehr als 70 Prozent um höhere Preise.
Dass die Industrie von Klimapolitik profitieren könnte, glaubt nur ein Viertel der Befragten, selbst in der Oberschicht sind es nicht mehr – außer wiederum im post-materiellen Milieu, in dem immerhin die Hälfte an positive Effekte durch den Klimaschutz glaubt.
Dass wohlhabende Schichten und neo-ökologisches Milieu mehr Einfluss haben auf die Klimadebatte, verraten ihre Antworten auf die Frage, ob sie glauben, dass ihre Stimme beim Klima-Thema Gehör findet: Von den Post-Materiellen meinen zwei Drittel, dass sie Einfluss hätten, während im prekären Milieu fast zwei Drittel sagen, sie würden nicht gehört; im nostalgisch-bürgerlichen Milieu sind es gar mehr als zwei Drittel.
Fragen dazu, ob Bereitschaft bestünde, wegen Klima höhere Kosten in Kauf zu nehmen oder sich einzuschränken, verneinte jeweils eine Mehrheit aller Befragten. Die Frage, ob man für Klimaschutz höhere Preise für Lebensmittel bezahlen würde, beantwortete nur im post-materiellen Milieu eine Mehrheit mit „Ja“.
Je ärmer, desto geringer ist die Bereitschaft, höhere Kosten zu tragen. Indes: Für höhere Stromkosten und Steuern wegen Klimaschutz ist insgesamt nur eine kleine Minderheit zu haben: 15 Prozent, beziehungsweise zwölf Prozent aller Befragten.
Bei Energiekosten und Steuern hört selbst im post-materiellen Milieu der Spaß auf: Nur wenige wären bereit zu höheren Zahlungen. In den Milieus der Mittel- und Unterschicht liegt die Bereitschaft bei Steuern deutlich zehn Prozent.
Dass der Klimawandel real ist und überwiegend vom Menschen verursacht wird, meint offenbar nur rund die Hälfte der Befragten – obwohl wissenschaftliche Indizien seit Jahrzehnten deutlich für eine menschengemachte Erwärmung sprechen.
Wieder zeigt sich eine klare Zweiteilung: Die wohlhabenden Milieus und das neo-ökologische votieren anders als ärmere Milieus. Axel Bojanowski
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