Ein unbequemer Wissenschaftler, der höchste Kreise gegen sich aufbrachte
Journalisten und Aktivisten hetzen gegen den Klimaforscher Roger Pielke – dahinter steckt eine jahrelange Kampagne, die erschütternde Einblicke bietet
Die Klimaforschung steht seit drei Jahrzehnten unter immensem politischen Druck, was unbequeme Forscher in Schwierigkeiten bringen kann.
Die härtesten Attacken treffen jene Forscher, die beides bestätigen: riskante Erwärmung und menschlichen Einfluss, die sich aber explizit dagegen wehren, dass wissenschaftliche Befunde politisch zurechtgebogen werden.
Roger Pielke Junior tritt seit jeher für die Eindämmung der CO2-Emissionen ein. Aber er kritisierte früh, die Klimadebatte gerate in eine „sinnlose Spirale“, wenn jede politische Seite neue wissenschaftliche Erkenntnisse als Munition für politische Zwecke benutze.
Die Geschichte des Sohnes des berühmten Atmosphärenforschers Roger Pielke Senior, bietet erschütternde Einblicke, wie die Klimaforschung in politische Händel verwickelt wurde.
Gerade beschuldigte ein “Spiegel”-Kolumnist, Fachhochschullehrer für Medienkunde, Pielke, er würde behaupten, es würde “kühler werden” und sein Arbeitgeber sei von der Erdölindustrie gesponsert. Ein typischer Fall, wie sich Fanatiker ihre Weltsicht zurechtbiegen. So geht es seit Jahren.
Pielke hat seine Uni, die ihn hängen gelassen hatte (dazu unten mehr), verlassen und wechselte an die Denkfabrik American Enterprise Institute, die sich aus Spenden von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen finanziert.
Weil sich unter den Spendern angeblich auch ein Erdölkonzern befand, startet sein deutscher Wikipedia-Eintrag nun genau damit – bei Wikipedia sind Klimathemen vollständig in der Hand von Aktivisten, die das Online-Lexikon als Mobbing-Waffe nutzen.
Die Geschichte Pielkes verdeutlicht, was falsch läuft in der Klimadebatte: Vielen geht es um Aufmerksamkeit, Macht und Einfluss und nicht um saubere Darstellung von Wissenschaft oder die effektive Lösung des Klimaproblems.
1. Pielke, der “Blitzableiter”
Was wäre Roger Pielke Junior alles erspart geblieben, hätte sein Professor im Januar 1996 nicht mit der aktuellen Ausgabe des Newsweek-Magazins gewedelt, dessen Schlagzeile auf der Titelseite behauptete: »Blizzards, Fluten und Hurrikane – es ist die Klimaerwärmung«. »Das sieht aus, als könnte es ein bisschen Forschung vertragen«, sagte der Chef zu seinem 27-jährigen Mitarbeiter. Pielke sollte das Thema nie wieder loslassen.
Der Aufforderung seines Vorgesetzten kam er derart pedantisch nach, dass er mit der Zeit zum meistgefürchteten Klimaforscher werden und sich am Ende sogar einer Verleumdungskampagne der Regierung von US-Präsident Barack Obama ausgesetzt sehen sollte. »Pielke wurde so etwas wie ein Blitzableiter in der Klimadebatte, der Attacken von allen Seiten anzog«, resümierte 2015 das Wissenschaftsmagazin Science.
2. Pielke, der Preisträger
Dass er vor allem Linke gegen sich aufbringt, irritiert den nach eigener Aussage Stammwähler der Demokratischen Partei. Mit Holzfällerhemd und Trekkingschuhen, die er auch während der Arbeit trägt, wirkt er wie das Klischee eines linksliberalen Umweltforschers.
Schon als Doktorand, bevor Pielke Professor an der University of Colorado wurde, brachte er das wissenschaftliche Establishment gegen sich auf. In seiner Dissertation 1994 kritisierte er, das Umweltforschungsprogramm der USA kranke an mangelnder Relevanz.
Unterhaltungen am elterlichen Esstisch hatten ihn eingestimmt: Sein Vater Roger Pielke Senior, ein angesehener Fachmann auf dem Gebiet der Erdatmosphäre, lehrte schon 1984, dass sich ein Klimaproblem abzeichnet:
»Wenn diese Erwärmung nicht durch andere Folgen menschlicher Aktivitäten abgemildert wird, wie zum Beispiel verringertes Sonnenlicht am Boden aufgrund der Zugabe von Aerosolen in die obere Atmosphäre, könnte sie zu erheblichen Veränderungen in den Klimamustern führen.«
Der Sohn studierte Mathematik und Politikwissenschaft; als Forscher veröffentlichte er Hunderte Studien zum Klima und avancierte zu den meistzitierten Experten über Wetterextreme. Früh gewann Pielke Junior Preise für seine Wissenschaft.
3. Abgrenzung vom Establishment
Doch vom Establishment grenzte er sich ab: »Beide Seiten in der Frage der Treibhausgase formulieren ihre Argumente wissenschaftlich, aber jede neue wissenschaftliche Erkenntnis wirft nur neue Fragen auf – und führt dazu, dass die Debatte zu einer sinnlosen Spirale wird«, schrieb er 2000 in “The Atlantic”.
Er lenkte den Fokus auf Anpassungsmaßnahmen: »Wenn wir praktische Schritte unternehmen würden, um unsere Anfälligkeit für das Wetter von heute zu verringern, würden wir einen großen Beitrag zur Lösung des Problems des Klimas von morgen leisten.«
4. Der entscheidende Konflikt
Im Frühjahr 2001, der dritte IPCC-Report war gerade fertig geworden, nahm das Unglück seinen Lauf. Pielke sollte auf Einladung der National Academy of Sciences vor der neuen Regierung unter George Bush Junior über den Zusammenhang von Wetterkatastrophen und Klimawandel aussagen.
Er konnte keinen statistischen Zusammenhang finden. Prominente Kollegen zeigten sich alarmiert: Man habe ihn dazu bringen wollen, »seine Ergebnisse herunterzuspielen«, erzählte Pielke.
Seine Aussagen würden womöglich die Regierung Bush in ihrer klimaschutzfeindlichen Politik bestärken, warnten ihn Klimaforscher. Obwohl er stets betont hatte, dass eine Eindämmung des CO2-Ausstoßes erforderlich sei, hielt er es im Gegensatz zu seinen Kollegen für geboten, den Stand der Wissenschaft ohne politische Absicht zu berichten, um nicht in die Falle der »Noble Cause Corruption« zu tappen. Pielke Junior wollte ein »ehrlicher Makler« sein.
5. Erstaunlicher Fehler im UN-Klimareport
Im zweiten Teil des dritten UN-Klimaberichts von 2001 in Kapitel 8 musste Pielke lesen, dass Wetterextreme »teilweise auf Klimafaktoren zurückzuführen sind«, was seinen Erkenntnissen widersprach.
Auf eine wissenschaftliche Quelle für die Diagnose referierte der IPCC nicht, stattdessen fand sich an anderer Stelle in Kapitel 8 die Erläuterung, dass der Anstieg der Schadenssummen »übereinstimmt mit dem, was unter dem menschengemachten Klimawandel zu erwarten ist«.
Dafür bezog man sich auf Berichte des Rückversicherers Munich Re, die keine wissenschaftlichen Qualitätsstandards erfüllen müssen. Unter den sieben Leitautoren des IPCC-Kapitels befand sich auch der vom deutschen Umweltministerium entsandte Experte, ein Mitarbeiter jenes Unternehmens, der 2005 über den Klimawandel sagte: »Ich glaube, dass wir die Gefahren nicht so schwarzmalen, wie sie tatsächlich sind.«
6. Show Down in Deutschland
Als weiteren Leitautor hatte der IPCC einen jungen Wissenschaftsassistenten der Universität Amsterdam ausgewählt, der während der Erstellung des Berichts zur Munich Re wechselte.
Pielke, mittlerweile 36 Jahre alt, kontaktierte die Munich Re und organisierte zusammen mit deren Katastrophen-Fachmann Peter Höppe eine Konferenz in Deutschland, die den Sachstand bezüglich der Wetterkatastrophen klären sollte.
Im oberbayrischen Schloss Hohenkammer, einem denkmalgeschützten Renaissance-Bau in eleganter Parkanlage, tagte die 32-köpfige Gruppe aus 16 Ländern Ende Mai 2006 für zwei Tage.
In der Vorwoche hatte der zuständige Experte der Munich Re auf den »Klimatagen« in Hamburg verkündet: »Der Klimawandel kommt schneller als gedacht. Ich wünsche mir mehr Bewusstsein in der Bevölkerung« – und musste wie gewohnt keine kritischen Fragen der anwesenden Journalisten fürchten, wie er zu seinem Urteil gekommen war.
Anders im Schloss Hohenkammer: Pielke ließ den Anwesenden, darunter Wirtschaftsforscher und Vertreter von NGOs, die These vom Klimasignal im Wettergeschehen nicht durchgehen: Ein solcher Einfluss sei in den Zahlen nicht zu erkennen, stellte das Gremium in seinem Abschlussdokument fest.
7. Konsens
Gewachsene Siedlungen und Inflation erklärten den Schadenszuwachs durch Extremwetter, resümierte die Hohenkammer-Gruppe, deren Ergebnisse später im renommierten Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wurden. Das Resultat hat auch 2024 Bestand; noch immer gibt es kein Klimawandelsignal in den globalen Daten von Wetterschäden.
Zwar macht die Erwärmung manche Phänomene, etwa Hitze, extremer, aber insgesamt haben verbesserte Vorwarnung und Infrastruktur die negativen Auswirkungen bislang abgemildert. Pielke veranschaulicht seinen Studenten den Effekt anhand des Vergleichs zweier Fotos, die Miami im Jahr 1926 und im Jahr 2006 zeigen. Früher stand dort ein Hochhaus in der Gefahrenzone von Hurrikanfluten, später waren es Dutzende.
8. Studie rausgemobbt
Roger Pielke glaubte, Klarheit geschaffen zu haben, doch als er den vierten UN-Klimabericht 2007 durchblätterte, stutzte er erneut: Das Konsenspapier seiner Expertengruppe fand keine Erwähnung, obwohl es in mehr als 250 anderen Studien zitiert wurde.
Die geklauten »Climategate«-E-Mails enthüllten Ende 2009, was geschehen war: Prominente Wissenschaftler hatten Pielkes Studien zu Hurrikanen gezielt aus dem IPCC-Report herausgehalten, wie die schriftlichen Absprachen verrieten, sodass auch dieser fälschlich einen »Trend zu höheren Wetterschäden« konstatierte.
Als Quelle angegeben war – Pielke stutzte abermals – ein Beitrag des Klimaforschers Robert Muir-Wood aus dem Abschlussbericht der Tagung im Schloss Hohenkammer. Obwohl er dieses Papier herausgegeben hatte, kannte Pielke die Studie nicht.
Muir-Wood war Leitautor jenes siebten Kapitels im vierten UN-Klimabericht. In dessen Anhang fand sich eine Grafik, die zeigte, dass die Wetterkatastrophen als Folge des Klimawandels zugenommen hatten. Jahre später gelang es Pielke durch Zufall, die Vorgänge zu entschlüsseln.
9. Harmonischer Streit
Anfang Februar 2010 lud die Royal Institution, ein britischer Wissenschaftsverband, zu einer Debatte: Pielke erhielt die Chance, öffentlich mit Muir-Wood auf einem Podium in London vor Hunderten Zuschauern zu streiten. Der abtrünnige Kollege war Wetterexperte bei RMS, einem Unternehmen, das nach eigenen Angaben »Organisationen hilft, Umweltrisiken einzuschätzen« – also ein Dienstleister für Versicherungen: »Extremwetter, Klimawandel und andere Katastrophen betreffen uns alle«, wirbt RMS auf seiner Website.
Die damit verbundenen Risiken zu verstehen helfe, eine widerstandsfähigere Welt zu bauen. Wie die Munich Re profitiert auch RMS von höheren Prämien, um diese abzusichern, durfte aber dennoch Leitautoren zum UN-Klimarat entsenden. Zu Pielkes Überraschung verteidigte Muir-Wood den IPCC nicht, er wolle »nicht zu sehr ins Detail gehen«.
Pielke hingegen war wegen der »Details« gekommen und sagte gleich zu Anfang: »Es gibt kein Klimawandelsignal in den steigenden Summen von Wetterschäden.« Die Zunahme lasse sich auf gesellschaftliche Faktoren zurückführen. Der Mensch verändere das Klima mit Treibhausgasen, und es sei sinnvoll, deren Ausstoß einzuschränken, um die Erwärmung zu bremsen. Niemand widersprach.
Dann folgte die Frage an Muir-Wood, ob seine Grafik zu Recht im Report stand oder nicht. »Die Kurve wurde informell angefertigt, sie landete in den Anlagen zum IPCC-Bericht; ich persönlich finde, dass sie dort nicht hingehört«, antwortete er.
Der Moderator fragte ihn weiter nach seiner Studie, die ohne Gutachten in den Report gelangt war. Muir-Wood lamentierte, der Klimarat müsse eben Fristen einhalten, was ein Problem sei.
Am Ende der Podiumsdiskussion wandte sich der Moderator an das Publikum: »Hat der Klimawandel die Zahlen der Katastrophen erhöht?« Eine Mehrheit stimmte mit »Nein«, mehr als in der Abstimmung vor der Debatte. »Ich glaube, du hast es geschafft, Roger«, gratulierte Muir-Wood seinem Kontrahenten zum Sieg.
RMS beeilte sich, den Fall in einer Pressemitteilung zu bedauern. Wieder glaubte Pielke, für Klarheit gesorgt zu haben, doch wieder wurde es nur noch schlimmer.
10. Journalisten mischen sich ein – es wird schmutzig
Eine Journalistin des Magazins Foreign Policy war auf die Debatte aufmerksam geworden und lud ihn zum Interview. In ihrem Artikel »Leitfaden der Klimaskeptiker« Ende Februar 2010 stellte sie Pielke als Beispiel für einen solchen vor, in einer Reihe mit diversen Wissenschaftsfeinden der Republikaner, weil er »gewisse Grafiken in IPCC-Reporten anzweifelt«.
Die Klimalobby schlachtete den Text aus. Das politisch linksstehende Center for American Progress (CAP), das Dutzende Blog-Attacken gegen Pielke veröffentlicht und ihn als »Leugner«, »Trickser« und »Karrieristen« beschimpft hatte, verbreitete den vermeintlichen Beleg aus Foreign Policy: Pielke sei ein Klimaskeptiker.
11. Der feindselige Milliardär
Das CAP, eine »Denkfabrik« aus Washington, erhält finanzielle Mittel von Förderern Erneuerbarer Energien wie dem Milliardär Tom Steyer oder der Umweltorganisation Sea Change, deren Hauptsponsor Nathaniel Simons für die Klimapolitik der Demokraten lobbyierte.
Dennoch behauptete die Organisation, überparteilich zu sein. Dabei hatte ihr Gründer und Vorsitzender John Podesta als Stabschef von Präsident Bill Clinton gearbeitet, zuständig für Klimathemen. 2016 leitete er auch den Wahlkampf von dessen Frau Hillary. Verfasser des CAP-Blogs »Climate Progress« war Joseph Romm, zuvor tätig in Clintons Energieministerium.
Hurrikan »Katrina« sei, schrieb er in einem seiner ersten Beiträge, lediglich eine Vorschau auf das, »was darauf kommen wird« – der Klimawandel verschärfe Naturkatastrophen bereits. Roger Pielke, der den UN-Klimarat zurecht zur Korrektur eines gravierenden Fehlers gedrängt hatte, geriet ins Visier der Aktivisten.
12. Das Mobbing wirkt
Allein die Ankündigung eines seiner Vorträge an einer anderen Universität konnte nun Proteste auslösen. Forscher rieten Journalisten davon ab, ihn zu zitieren, er vertrete »eine Außenseitermeinung«. Doch der IPCC-Spezialreport zum Extremwetter 2012 bestätigte die Ergebnisse Pielkes und der Hohenheim-Gruppe: Wetterschäden lassen sich nicht dem Klimawandel zuordnen, konstatierte der Bericht.
Manche Arten von Extremwetter häuften sich, aber ein klares Signal könne in den Daten nicht festgestellt werden. Pielke referierte diese Erkenntnisse, nun auch dokumentiert vom IPCC, bei einer Anhörung vor dem US-Senat im Juli 2013 – daraufhin brach die Hölle los.
13. Obamas Team schreitet ein
Die Klimawandel-Kommunikation unter Präsident Barack Obama leitete John Podesta, der Gründer des CAP. Pielkes Darstellungen seien »irreführend« und »nicht repräsentativ für die Sicht des Mainstreams«, kritisierte der wissenschaftliche Berater der Regierung, John Holdren, ein Verbündeter des Bevölkerungsapokalyptikers Paul R. Ehrlich.
1986 hatte Holdren vorhergesagt, dass 2020 eine Milliarde Menschen aufgrund von klimabedingten Hungersnöten sterben würden. Obwohl nichts auf das Eintreten seiner Prognose hindeutete, bekräftigte er seine Warnung 2009 vor dem US-Senat: »Es könnte passieren«, antwortete er auf die Frage, ob er zu seiner damaligen Aussage stehe.
»Eine Milliarde 2020?«, hakte der befragende Senator nach. »Es könnte sein«, gab Holdren zurück. Tatsächlich ist die Zahl hungernder Menschen seitdem weiter zurückgegangen, obwohl die Weltbevölkerung sich erheblich vergrößert hat. Nach Pielkes Anhörung im Juli 2013 widersprach Holdren und wählte für seine Botschaft einen machtvollen Absender: die offizielle Internetseite des Weißen Hauses.
Obamas Berater mangelte es an Argumenten: Während Pielke über globale Daten von Wetterkatastrophen referiert hatte, versuchte Holdren seine These anhand regionaler Daten zu belegen und führte den Südwesten der USA als Beispiel an. Außerdem sollen Prognosen die Zunahme von extremer Trockenheit vorhersagen.
Pielkes Vortrag aber hatte nicht die Zukunft behandelt, sondern die bisherige Entwicklung. Holdren griff den Wissenschaftler im Namen des Weißen Hauses persönlich an: Pielke sei »nicht repräsentativ für den wissenschaftlichen Mainstream« – dabei hatte er sich in seiner Stellungnahme auf den IPCC berufen, den Inbegriff des Mainstreams in der Klimaforschung.
14. Weißes Haus gegen einen Wissenschaftler
Der Angriff des Weißen Hauses veränderte Pielkes Leben: »Die beruflichen Auswirkungen waren für mich sofort spürbar«, erinnerte sich der Wissenschaftler.
Pielke hatte im Magazin 538, sprich »FiveThirtyEight«, eine Kolumne bekommen und suchte erneut die Chance, auf seinem Spezialgebiet Dinge geradezurücken. Für einen klimawandelbedingten Anstieg bei Wetterkatastrophen gebe es keine Belege, resümierte er.
Sein Text war fehlerlos, doch er kostete Pielke den Job – nach einem Proteststurm in den sozialen Medien feuerte ihn das Magazin. Der einflussreiche Blog des CAP bot mit Pielke verfeindeten Wissenschaftlern wie Michael Mann eine Plattform für Schmähungen.
15. Wikileaks enthüllt Kampagne gegen Pielke
538 publizierte Gegenartikel, die darlegten, warum Wetterextreme schlimmer werden könnten, ohne dass es an den Schäden abzulesen ist – was nicht im Widerspruch zu Pielkes Artikeln stand. Wieder enthüllte geklaute Kommunikation das Ausmaß der Kampagne: Wikileaks veröffentlichte 2016 Tausende von E-Mails in Verbindung mit Hillary Clintons Präsidentschaftswahlkampf.
Sie zeigten, dass ein Mitarbeiter des CAP an den milliardenschweren Klimaaktivisten Tom Steyer geschrieben hatte: »Ich denke, es ist fair zu sagen, dass Pielke ohne Climate Progress immer noch für 538 über das Klima schreiben würde […] Aber wegen unserer Bemühungen tut er es nicht mehr […] Danke für Ihre Unterstützung dieser Arbeit.«
16. Attacken weiten sich aus
Die Attacken weiteten sich aus. Der Kongressabgeordnete Raul Grijalva von den Demokraten gab Anfang 2015 in einer Pressemitteilung bekannt, er werde Ermittlungen gegen Pielke einleiten, und stellte das Gerücht in den Raum, dieser habe Geld von der fossilen Industrie genommen. Dafür lagen ihm weder Beweise noch Indizien vor.
Dennoch verlangte Grijalva in einem Brief an den Präsidenten der Universität in Boulder, an der Pielke beschäftigt war, alle finanziellen Zuwendungen des Forschers und seine gesamte Korrespondenz offenzulegen. Darin zitierte er Holdrens Attacke als vermeintlichen Beweis; sogar die New York Times berichtete.
Die Lokalzeitung in Boulder brachte ein Foto des Wissenschaftlers und stellte gleich im ersten Absatz des Artikels die Frage, ob er »Geld von der Erdölindustrie bekommen hat«. Pielke wehrte sich auf seinem Blog: »Ich habe nie Mittel erhalten von der fossilen Industrie oder deren Interesseverbänden.«
17. Feige Uni
Seine Hochschule stellte sich nicht vor ihren Angestellten, obwohl die Beschuldigungen seinen Ruf schädigten; ihr Präsident leitete eine Untersuchung ein.
Doch diesmal erhielt Pielke Unterstützung: Das Wissenschaftsjournal Nature kritisierte das Verhalten Grijalvas, das eine »einschüchternde Botschaft an alle Akademiker und an die Öffentlichkeit« sende. Auch die Amerikanische Meteorologische Gesellschaft wandte sich gegen den Politiker: Einen Forscher herauszupicken und aufgrund geäußerter Ansichten dessen Glaubwürdigkeit infrage zu stellen sei einschüchternd für andere Wissenschaftler.
18. Lügner entlarvt, aber…
Grijalva gestand später, »übertrieben« zu haben. Die Untersuchung ergab, dass Pielke nie Geld von der fossilen Industrie erhalten hatte. Er wurde vollständig von den Vorwürfen entlastet – diesmal berichte die New York Times nicht. »Der Vorwurf blieb hängen«, sagte Pielke.
»Jahre voller Umbrüche in Karriere und Privatleben« habe er durchlebt, erzählte er: »Ich nehme an, das war der Punkt.« Der Forscher sah sich isoliert: »Nach Bekanntgabe der Grijalva-Untersuchung wurde ich von fast jedem Vortrag zum Thema Klima ausgeschlossen, zu dem man mich eingeladen hatte.«
Kollegen behaupteten, dass »die Zusammenarbeit mit mir zu riskant sei«, und stellten sie ein. Pielkes Karriere war verbaut: »Ein Programmbeauftragter der Bundesbehörde sagte mir, ich solle mir nicht die Mühe machen, weitere Förderanträge einzureichen – ich sei zu kontrovers.«
Niemand aus seiner Universität außer Anwälten habe während der Untersuchung mit ihm gesprochen, um Unterstützung anzubieten. Im internen Forum eines Klimablogs, der Pielke jahrelang schmähte, dokumentierten Aktivisten ihren Hass: »Wir JAGEN Pielke«, schrieb einer; »Wir versuchen, ihn zu Fall zu bringen« ein anderer; »Ich bin dafür, den Bastard zu Fall zu bringen«, stimmte ein dritter zu.
Ein enger Kollege sagte Pielke, er wünsche, er könne helfen, aber er wolle vermeiden, »dass sie hinter mir her sind«. Er wurde als Leiter des Zentrums für Wissenschaftspolitik abgesetzt, das er an seiner Universität gegründet hatte. Unbekannte stellten sein Büro mit Kisten zu, die ihm nicht gehörten. Pielke suchte sich andere Aufgaben außerhalb der Klimaforschung.
19. Kampf um Hegemonie
Es waren hegemoniale Fragen, die ihn ins Fadenkreuz des Establishments rückten. Mit seiner unerbittlichen Kritik hatte er die Deutungshoheit gefeierter Klimaforscher in Zweifel gezogen. Gavin Schmidt, Klimachef der NASA, gab 2021 zu: Pielke habe »20 Jahre lang versucht, Wissenschaftler aus dem Zentrum zu stoßen«.
Gerade als sich Michael Mann, Gavin Schmidt und einige andere als Leitfiguren der Debatte Anfang der 2000er-Jahre etabliert hatten, platzte der gesprächige Pielke herein und stellte Aussagen der Alphatiere infrage.
Seit Dezember 2004 schrieben Mann und Kollegen auf dem Blog »RealClimate«, der zum »Sprachrohr eines Kartells« geworden war, monierte der deutsche Klimaforscher Hans von Storch fünf Jahre später. Die Betreiber aber wähnten sich in einer Abwehrschlacht gegen Skeptiker, und in diesen Kampf griff Pielke ein.
Mann hatte im November 2005 einen Beitrag veröffentlicht, in dem er das »falsche Gleichgewicht« in den Medien beklagte – antiwissenschaftlichem Unsinn werde der gleiche Platz eingeräumt wie seriöser Forschung. Dabei bezog er sich auf zweifelhafte Zeitungskommentare von Journalisten und Politikern.
Pielke erwiderte in einem Kommentar unter dem Blog-Artikel, dass es sich dabei um politische Kommentare handle, für die es keine wissenschaftliche Deutungshoheit gebe; Mann politisiere mit seinem Protest die Forschung. Die Betreiber beschworen in ihren Repliken den Wert der Naturwissenschaft.
Pielkes Kommentare wurden schärfer: »Mein Einwand gegen RealClimate ist nicht, dass Ihr politisch agiert, sondern dass Ihr politisch agiert, aber behauptet, Ihr würdet es nicht.«
20. Pielke, ein ehrlicher Makler
Nachdem Foreign Affairs Pielke 2010 aufgrund seiner berechtigten Kritik als »Klimaskeptiker« verleumdet hatte, höhnten seine Gegner auf »RealClimate«, sie würden »keinen Fehler des IPCC in dem Fall« sehen, »bestenfalls Meinungsunterschiede«. Dem Feind niemals recht geben, selbst wenn er recht hat, lautete ihre Devise.
Und als Pielke 2016 im Wall Street Journal unter der Überschrift »Mein unglückliches Leben als Klima-Häretiker« von dem Mobbing berichtete, das ihm widerfahren war, hatte Schmidt nur einen lakonischen Kommentar übrig: »Man erntet, was man sät.«
Pielke hingegen zeigte sich als Kritiker des Tribalismus konsequent und nahm auch seine Widersacher in Schutz, wenn die Fakten auf ihrer Seite waren: Als der republikanische Abgeordnete Joe Barton 2006 Michael Mann wissenschaftliches Fehlverhalten nachweisen wollte, sprang Pielke seinem Kontrahenten zur Seite.
Pielke forscht stoisch weiter. Und er wird mittlerweile wieder zu Tagungen eingeladen und hat bereits mehr als 40.000 Abonnenten für seinen Substack-Blog gewonnen. Roger Pielke Jr. findet mehr Gehör denn je – als ehrlicher Makler.




