Wie viel Weltanschauung steckt in einer Physikaufgabe? Professor Christian Rieck hat auf seinem sehr empfehlenswerten YouTube-Kanal anhand von Beispielen dargestellt, wie sich naturwissenschaftliche Prüfungsaufgaben über die Jahrzehnte verändert haben.
Mir scheint das Ganze ein zentrales Problem zu sein, das insbesondere die Themen Klima/Umwelt/Energie betrifft, weshalb ich das Video hier kurz vorstellen möchte.
Zum Einstieg lässt Rieck sein Publikum raten: Aus welcher Zeit und welchem Bildungssystem stammen die gezeigten Beispiele?
Es geht um Pumpspeicherkraftwerke und Fernheizungen, das Klonschaf Dolly, Fast Fashion, Windparks und die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Aussagen.
Anschließend löst er auf: Die ersten Aufgaben stammen aus DDR-Abschlussprüfungen, die späteren aus Materialien jüngerer Jahrgänge.
Seine zentrale These: In den untersuchten DDR-Aufgaben sei die politische Botschaft überwiegend dem fachlichen Teil vorangestellt gewesen; in neueren Beispielen werde die erwünschte Wertung zum Bestandteil der Aufgabe selbst.
Damit könne die Haltung eines Schülers darüber mitentscheiden, ob seine Antwort als richtig gilt.
Den Wandel hin zu Kompetenzen wie Quellenkritik und Urteilsfähigkeit begrüßt Rieck grundsätzlich. Problematisch findet er, wenn dabei wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Wertvorstellungen miteinander verschmelzen.
Aufgaben DDR, 10. Klasse:
Die Einleitung nennt die Weiterentwicklung der Industrie und die bessere Versorgung der Bevölkerung als Ziele. Anschließend sollen die Schüler Energieumwandlungen erklären und die Kraftwerksleistung berechnen.
Rieck ordnet solche DDR-Aufgaben so ein: Der gesellschaftspolitische Rahmen stehe vor der Aufgabe, beeinflusse aber deren fachliche Lösung kaum. Seine Formulierung:
„Wir haben vorher einen politischen Satz und danach gibt es eine fachliche Aufgabe, die im Wesentlichen reine Physik ist […]“
Die Schüler sollen hier berechnen, welche Wassermasse einen bestimmten Wärmebedarf deckt, und erklären, warum Wasser als Wärmeträger geeignet ist.
Hier gibt Rieck keine gesonderte ideologiekritische Bewertung ab. Das Beispiel gehört zu seiner späteren Charakterisierung der DDR-Aufgaben: gesellschaftlicher Anwendungskontext, anschließend eine fachlich anspruchsvolle Physikaufgabe.
Gefordert werden in dieser Aufgabe unter anderem ein Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm, die Erklärung der Beschleunigung und Schlussfolgerungen für das Fahren bei unterschiedlichen Straßenverhältnissen.
Rieck macht auf die Schreibweise der Geschwindigkeitseinheit aufmerksam und liest auch die Frage nach dem Verhalten als Verkehrsteilnehmer vor. Eine ideologische Problematik dieses konkreten Blattes sieht er nicht.
Deutschland 2003, 10. Klasse:
Die Schüler sollen hier erklären, weshalb Tag und Nacht entstehen, und Erdachse, Erdhalbkugeln und Äquator einzeichnen.
Riecks Kritik betrifft hier die sprachliche Gestaltung: Das Wort „Hemisphäre“ könne Schüler scheitern lassen, die den Sachverhalt unter „Erdhalbkugel“ kennen. Damit werde möglicherweise Wortverständnis geprüft, obwohl naturwissenschaftliches Verständnis geprüft werden solle. Er bezeichnet das als schlechte Übersetzung.
Neben biologischen Fragen sollen die Schüler zum Thema Klonen unterscheiden, ob mögliche Krankheitsrisiken oder das Argument, Menschen sollten nicht die Rolle des Schöpfers übernehmen, wissenschaftliche Gründe gegen das Klonen sind.
Rieck kritisiert das Beispiel nicht ausdrücklich als ideologisch. Er diskutiert die Entwicklung zu politischer Bewertungen, statt physikalischer Rechnungen.
Deutschland 2025, 10. Klasse:
Hier setzt Riecks Ideologiekritik deutlich an. Das Foto eines großen Textilhaufens lenke die Wahrnehmung bereits in eine bestimmte Richtung:
„[…] um im Grunde genommen gleich auch auf den ideologischen Kern mit hinzulenken.“
Auch dass Nachhaltigkeit bereits als Ziel vorausgesetzt werde, zählt er zu seiner Kritik. Die Aufgabe transportiere nach seiner Lesart somit eine gewünschte Bewertung, bevor die Schüler Quellen beurteilen.
Für einen Offshore-Windpark sollen die Schüler nun bestimmen, welcher Standort den besten Kompromiss zwischen finanziellen Kosten und Umweltauswirkungen bietet. Rieck kritisiert an den neueren PISA-Beispielen, „dass Nachhaltigkeit als Ziel vorausgesetzt wird“.
Er beanstandet, dass eine bestimmte Bewertungsrichtung darüber mitentscheide, welche Antwort als richtig gelte. Rieck zeigt die Windkraft-Aufgabe im Rahmen seines Vergleichs, begründet seinen Ideologievorwurf an ihr jedoch nicht ausdrücklich.
Glaubwürdigkeit eines kritischen Artikels soll beurteilt werden. An diesem Beispiel bündelt Rieck mehrere Einwände:
Er beanstandet, dass die Übereinstimmung mit einem wissenschaftlichen Konsens zum Maßstab der Glaubwürdigkeit werde.
Er wertet die Genderzeichen in den deutschen Materialien als ideologischen Zusatz.
Er kritisiert die deutsche Übersetzung von „peer reviewed“ als Überprüfung durch Wissenschaftler.
Er nennt es problematisch, wenn Impfskepsis bereits implizit als Fehler vorausgesetzt werde.
Riecks Resümee:
Sein übergreifender Vorwurf lautet, dass mittlerweile eine bestimmte Bewertungsrichtung darüber mitentscheide, ob die Antwort als richtig oder falsch gilt.
Anhand eines selbst entwickelten Schemas (dazu mehr in dem Video) lässt Rieck die Aufgaben mithilfe einer KI nach fachlichem Anspruch und ideologischem Gehalt einordnen. Der Grad der Ideologie hat demnach erheblich zugenommen.
Beim Schwierigkeitsgrad fällt sein Urteil dagegen milder aus: Die alten Rechenaufgaben sind komplizierter, aber könnten teilweise schematisch ohne tiefes Verständnis gelöst werden; die neueren Aufgaben seien auf andere Weise durchaus anspruchsvoll.
Den stärkeren Fokus auf Quellenbewertung und Kompetenzen befürwortet er grundsätzlich, auch weil in Zeiten von KI Rechenaufgaben an die KI übertragen werden könnten, dafür aber die Kompetenz im Einschätzen von Quellen und Kategorien wichtiger werde. Es bleibe das Problem der Ideologisierung. Axel Bojanowski
Über die Ideologisierung von Schulbüchern:
Kein Ausgang aus der Unmündigkeit
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ (Immanuel Kant)









