Die Öffentlich-rechtlichen haben angerufen
Ein kurioses Experiment offenbart die Voreingenommenheit von ARD und ZDF, erzählt Energieforscher André Thess im Gastbeitrag
Dies ist ein Gastbeitrag von André D. Thess, Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Autor des Buches „Der Energiegipfel – Ausweg aus dem Klimakampf“
Die politische Einseitigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist leicht zu erkennen, aber schwer zu beziffern. Dank eines glücklichen Zufalls im Zuge des deutschen Atomausstiegs liegt jedoch ein wasserdichter Beweis vor.
„Die Einnahme einer Viagra-Tablette zeigte beim Patienten keinerlei Wirkung. Nach Verabreichung eines Globulus - eines homöopathischen Zuckerkügelchens – stellte sich hingegen eine Dauererektion ein.“
Würde ein Forscher aus der Pharmaindustrie mit einem solchen Befund konfrontiert, gäbe es für ihn nur eine Schlussfolgerung: Der Patient ist nicht von dieser Welt. Vermutlich handelt es sich um einen Marsmensch.
Ähnliches trug sich vor drei Jahren in Wirklichkeit zu. Der Patient war freilich keine natürliche, sondern eine juristische Person. Es handelte sich um den öffentlich-rechtlicher Rundfunk (ÖR). Die folgende wahre Geschichte ist der wasserdichte und repräsentative Beweis für das Systemversagen eines Acht-Milliarden-Euro-Imperiums.
Die politische Unausgewogenheit der öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten wird häufig kritisiert – und von diesen vehement dementiert. Wer kann schon neutral beurteilen, welches Ereignis berichtenswert ist? Wer kann unabhängig bewerten, welche Experten man in eine Talkshow einladen muss, um den Stand der Wissenschaft auf einem bestimmten Gebiet in voller Breite abzubilden?
Doch ist die Sache mit dem Beweis nicht ganz so hoffnungslos wie es zunächst erscheint. Werfen wir zunächst einen kurzen Blick in die Pharmaindustrie.
Versuchsaufbau
Um den eindeutigen Beweis für die Wirksamkeit eines Medikaments zu führen, bedient sich die Pharmaindustrie einer Methode mit dem sperrigen Namen „randomisierte Doppelblindstudie“. Sie gilt als der Goldstandard bei Medikamententests.
Dabei wird einer zufällig („randomisiert“) ausgewählten Gruppe von Testpersonen das zu prüfende Medikament verabreicht. Eine gleich große Kontrollgruppe erhält ein Placebo – eine identisch aussehende Tablette mit gleichem Geschmack, jedoch ohne Wirkstoff.
„Doppelblind“ heißt, dass weder Studienteilnehmer noch Aufsichtspersonal wissen, wem das Medikament und wem das Placebo verabreicht wurde. Zeigen die Testpersonen gegenüber der Kontrollgruppe eindeutige und reproduzierbare Reaktionen, ist die Wirksamkeit des Medikaments erwiesen.
Die segensreiche Wirkung von Medikamenten und Impfstoffen verdankt die Menschheit maßgeblich dem randomisierten Doppelblindtest.
Glückliche Fügung
Was bei Medikamententests mit natürlichen Personen funktioniert, lässt sich auf juristische Personen wie die ÖR-Sender übertragen. Dabei spielen bedeutsame Nachrichten die Rolle des Medikaments und Nebensächlichkeiten die Rolle des Placebo.
Für einen Test müsste man einer Hälfte der Sender Medikamente in Form gewichtiger Neuigkeiten und der anderen Hälfte bedeutungsloses Geplänkel als Placebo verabreichen. Anschließend müsste man deren Berichterstattung beobachten.
Es steht nicht zu befürchten, dass sich der ÖR-Komplex auf einen solchen Großversuch einlässt. Gleichwohl sorgte eine glückliche Fügung im Zuge des deutschen Atomausstieges für ein unfreiwilliges Experiment, welches dem geschilderten Goldstandard sehr nahe kam.
Am Vorabend des deutschen Atomausstiegs, im Herbst des Jahres 2022, fanden fast gleichzeitig zwei Ereignisse statt, die mediale Paradebeispiele für Medikament und Placebo verkörpern. Überdies betrafen sie die gleiche handelnde Person – den Autor dieser Zeilen.
Eine Verzerrung des Experiments auf Grund unterschiedlicher Bekanntheitsgrade handelnder Personen oder zeitlicher Abstände war somit ausgeschlossen.
“Stuttgarter Erklärung”
Das Analogon zum Medikament war die Nachricht, dass der Autor am 9. November 2022 vor dem Petitionsausschuss des Bundestages die „Stuttgarter Erklärung“ von 20 deutschen Professoren gegen den Atomausstieg vorstellt.
Im Juli 2022 hatten sich die Hochschullehrer auf Initiative des Autors mit einer Petition an die Bundesregierung gewandt. 60.000 Unterzeichner unterstützten das Anliegen.
Die Frage, ob es sich tatsächlich um eine wichtige Nachricht handelt, lässt sich dadurch beantworten, dass es sich um nichts Geringeres als die Sicherheit der Energieversorgung eines Industrielandes inmitten einer Energiekrise handelte.
Außerdem hatten sich beim Initiator mehrere ausländische Zeitungen, unter anderem das Wall Street Journal aus den USA und The Mainichi Shimbun aus Japan mit der Bitte um Hintergrundinformationen und Interviews gemeldet.
“Null-Energie-Sauna”
Die Entsprechung zum Placebo war die Null-Energie-Sauna. Nahezu zeitglich fand in Stuttgart der turnusmäßige Saunakongress statt. Der Autor hatte in den Jahren 2017 bis 2021 an seinem Lehrstuhl an der Universität Stuttgart das gleichnamige Studentenprojekt betreut.
Eine Gruppe junger Energieforscher hatte auf dem Campus der Universität ein Saunahäuschen aufgebaut und in Betrieb genommen. Dieses wird zu einhundert Prozent mit Solarenergie versorgt und stellt unter Zuhilfenahme eines innovativen Hochtemperatur-Wärmespeichers heiße Luft für vier Stunden finnischen Saunagenuss bereit.
Die Forschungsergebnisse zur solaren Sauna wurden auf dem Kongress vorgestellt. Man muss kein Energieexperte sein, um zu erkennen, dass die Bedeutung dieses Vorhabens für die Menschheit im Allgemeinen und für die Klimapolitik Deutschlands im Besonderen bestenfalls im homöopatischen Bereich liegt.
Wie wirkten Medikament und Placebo auf den Patient ÖR?
Beide Themen waren vom Autor in den sozialen Medien kommuniziert worden. Zu beiden Ereignissen berichtete die Presse – regional und überregional. Beide betrafen dieselbe Person.
Eins zu sieben
Wieviele Interviewanfragen zur Stuttgarter Erklärung würde der Autor aus der ÖR-Welt erhalten und wieviele zur Null-Energie-Sauna? Ginge es nach der gesellschaftlichen Bedeutung, wäre ein Verhältnis von hundert zu eins angemessen gewesen.
Die tatsächliche Antwort lautet: Eins zu sieben.
Während die Anhörung zur Stuttgarter Erklärung im Petitionsausschuss des Bundestages in überregionalen privaten Medien einschließlich sozialen Medien ausführliche Würdigung in Form von Zustimmung und Kritik erfuhr, während Privatsender wie Welt-TV um Stellungnahmen baten und während Deutschlands bekannteste Boulevardzeitschrift in Millionenauflage „Der Aufstand der Professoren“ titelte, verharrte das öffentlich-rechtliche Imperium am Tag der Verhandlung zunächst in institutionellem Tiefschlaf.
Im Strickpullover
Nachdem das allgemeine Medieninteresse schon abzuklingen begann, meldete sich zwei Tage nach der Anhörung ein SWR-Team beim Autor mit einer Interviewanfrage. Der gesendete Kurzbeitrag enthielt knappe O-Ton-Schnipsel vom Autor.
Diese wurden – wie bei „umstrittenen“ Technologien üblich – mittels ausgiebiger Kommentare eines unbekannten NGO-Vertreters im Strickpullover eingerahmt. Der Beitrag ist online nicht mehr verfügbar.
Ganz im Gegensatz dazu entfaltete das Placebo in der ÖR-Parallelwelt umgehend elektrisierende Wirkung. Ein „klimafreundliches“ Lifestyle-Produkt, angetrieben von der Sonne, die bekanntermaßen keine Rechnung schickt, erbaut von jungen Leuten – gibt es ein besseres Narrativ, welches zum grünen Zeitgeist passt?
Obwohl der Autor keinerlei Werbung für den Konferenzbeitrag gemacht hatte, meldete sich das Deutschlandradio postwendend mit einem dringlichen Interviewwunsch.
Das Interview fand gegen sieben Uhr in der Frühe online im Urlaub des Autors statt und wurde ohne Verzögerung um 8:18 Uhr gesendet. Bei wirklich wichtigen Themen kann der ÖR durchaus schnell reagieren.
Überwältigende Resonanz
Das ZDF meldete sich mit dem dringenden Wunsch, vor Ort mit einem Kamerateam in Bild und Ton über die weltbewegende Solarsauna zu berichten. Außerdem fragten fünf öffentlich-rechtliche Regionalsender nach Interviews und Informationsmaterial.
Die Resonanz auf ein Nischenthema war mithin überwältigend. Das homöopathische Zuckerkügelchen in Gestalt einer Solarsauna hatte das kleine grüne Schwänzchen des ÖR in dreitägige Dauererektion versetzt.
Welche Bilanz darf der nüchtern denkende Beobachter aus dieser wahren Geschichte ziehen? Zu einer bedeutsamen Nachricht über den Atomausstieg herrscht dröhnendes Schweigen. Das grüne Nischenthema Solarsauna erzeugt zeitgeistige Euphorie.
Die Diagnose? Das öffentlich-rechtliche Medienimperium ist ganz offensichtlich nicht von dieser Welt. Von seinem gesetzlichen Sendeauftrag ist es so weit entfernt wie der Marsmensch vom Erdling.
Der Autor: André Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Autor des Buches „Der Energiegipfel – Ausweg aus dem Klimakampf“. Dieser Artikel erschien zuerst bei “Tichys Einblick”.
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