Heute vor 40 Jahren sagte dieser Mann genau voraus, was schieflaufen würde
Erstaunliche Prognose von 1986 über Klimabewegung - und den "blinden Fleck"
Heutzutage ist es so:
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) prosperieren, ihre Einnahmen aus Spenden und vor allem aus Steuergeldern sprudeln. Obendrein ist ihr Einfluss gewachsen, weil sie enge Netzwerke mit politischen Parteien bilden.
Die Nähe zu Regierungen und der EU-Kommission hat den vermeintlichen „Nicht”-Regierungsorganisationen aber nicht geschadet, Umfragen zeigen, dass eine große Mehrheit ihnen vertraut.
Medien berichten zumeist gefällig über Veröffentlichungen der Verbände. Demonstrationen gelten als Proteste der „Zivilgesellschaft“, obwohl sie eigentlich nur ein kleines Spektrum derer repräsentieren.
Wie ist der Erfolg zu erklären?
Die Vorahnung
Ein ehemaliger Staatssekretär des Bundesinnenministeriums hatte den Durchmarsch der Umweltbewegung und ihrer NGOs erstaunlich präzise vorausgesehen.
In einer Rede am 8. Januar 1986, heute vor 40 Jahren, auf der Beamtenpolitischen Arbeitstagung in Bad Kissingen erläuterte Jurist und FDP-Mitglied Günter Hartkopf, warum die Umwelt-Lobby Dominanz entwickeln würde.
Erster wesentlicher Grund: Aus der Wirtschaft wäre kaum Widerstand zu erwarten, konstatierte Hartkopf. Er sollte recht behalten.
Der Sündenfall
Hartkopf erzählte von einem Treffen von Umweltpolitikern mit Industrievertretern 1975, als zunehmend Öko-Regularien die Wirtschaft einschränkten. Es habe lediglich ein paar Regierungsbeamte gebraucht, welche den Bestseller „Die Grenzen des Wachstums“ erläutern konnten, um die Industrievertreter verstummen zu lassen.
Dabei sah sich das Buch des Club of Rome gleich nach Veröffentlichung wegen seiner methodischen Mängel harter Kritik ausgesetzt, und auch seine Prognosen erwiesen sich als falsch.
Doch davon war keine Rede: „Die Wirtschaftsseite hatte nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen“, sagte Hartkopf, es habe keinen Widerspruch gegeben. Er sah die Umweltbewegung strategisch im Vorteil, auch wegen ihrer engeren Vernetzung mit der Politik.
Die Bestätigung
Der Klimaökonom Joachim Weimann hatte mir Zurückhaltung und Opportunismus von Wissenschaft und Wirtschaft in Sachen Energiewende kürzlich im WELT-Interview bestätigt:
WELT: Als Journalist habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass sich Wissenschaftler und Unternehmer unter vier Augen ganz anders über die Energiewende äußern als öffentlich. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Weimann: Ja, das ist ein typisches Verhalten bei dem Thema. Einen Kollegen, der in vielen Gremien saß, habe ich mal gefragt: Warum machst du das, warum redest du den Politikern nach dem Mund? Du weißt doch, dass es Unsinn ist. Seine Antwort: Wenn ich etwas anderes sagen würde, wäre ich raus. Es geht eben letztlich immer auch um Karrieren. Eine Sonderrolle ist nicht durchzuhalten, wenn man da mitmischen will. Ich hatte deshalb früh beschlossen, dass ich nicht in solche Gremien will, da hätte ich mich verbiegen müssen.
WELT: Das größte Rätsel der Energiewende-Debatte könnte sein, dass die Industrie kaum widersprochen hat, aber nun leidet. Was ist geschehen?
Weimann: Der Opportunismus der Industrie war und ist das größte Problem. Nie gab es entschieden Widerspruch. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat gerade Kosten von 1,4 Billionen Euro für die Energiewende berechnet und statt den Aufwand zu hinterfragen, die Ausgaben als „notwendig“ bezeichnet. Unter vier Augen reden die Unternehmer ganz anders, aber die Klimaziele öffentlich infrage zu stellen – das traut sich niemand aus Angst ums eigene Image. Das Ergebnis sieht man jetzt: Die deutsche Autoindustrie muss Milliarden-Strafzahlungen an die EU leisten, weil sie Vorgaben für CO₂-Emissionen ihrer Flotten nicht eingehalten hat, die technologisch aber gar nicht einzuhalten waren. Die Industrie wird Opfer ihrer eigenen Feigheit.
Ähnlich äußerte sich der Energieforscher André Thess in unserem Gespräch:
Thess: Die Verantwortungsträger aus der Wirtschaft hätten vor fünf bis zehn Jahren ihre Kritik lauter einbringen müssen, aber sie haben opportunistisch alles durchgewunken.
Wachsende Netzwerke
Günter Hartkopf hatte die Machtverschiebung geahnt: „Potente Umweltverbände“, die „von Beamten oder ehemaligen Beamten geleitet werden“ bildeten mit rund vier Millionen Mitgliedern „ein beachtliches Potential, das jederzeit mobilisiert werden kann, an dem die Politik nicht mehr vorübergehen kann“.
Tatsächlich entwickelte sich ein machtvolles Netzwerk zwischen Bundesministerien und Umweltverbänden. Personen wechselten munter die Seiten.
Zudem gründeten sie mit den Agora-Denkfabriken Regierungsberatungsinstitute, die wie Beiboote das Hauptschiff der Regierungsagenda absichern: Sie planen die deutsche Energiewende im Sinne der Vorstellungen der grünen Bewegung.
Verbündete Medien
Viele Medien wären Verbündete, wusste Hartkopf bereits 1986: „Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Journalisten sieht ihre Rolle als aktive Unterstützung zur Umweltverbesserung“, sagte er – eine Behauptung, die vielfach bestätigt wurde.
Umweltpolitik könne „auf die Hilfe der Medien keinesfalls verzichten“, erläuterte Hartkopf. Er sprach von der „Steuerung von Umweltverbänden und Meinungsbildung im Vorfeld der Politik“. Auch diese Ahnung wurde Realität.
Hartkopf erkannte die Macht „leerer Worthülsen” in Umweltdebatten, die der „Desinformation Außenstehender dienen“.
Als Beispiel nannte er eine der bei Journalisten beliebtesten Phrasen über die Natur: „Die Forderung nach ‚ökologischem Gleichgewicht‘, oft gebraucht und in Parteiprogramme aufgenommen, ist völlig inhaltsleer“, sagte Hartkopf – eine Feststellung, die von Wissenschaftlern geteilt wird.
Einseitigkeit
Auch die politisch opportune Behauptung „Ökologie und Ökonomie müssen kein Gegensatz sein“ wäre eine „bewusst gebrauchte und beschwichtigende Halbwahrheit“. Sie dient auch heutzutage als allgegenwärtige Phrase der Umweltpolitik.
Dass ihre Irreführungen der Umweltlobby um die Ohren fliegen könnte, glaubte Hartkopf nicht, denn auch die wissenschaftliche Literatur stünde im Bunde gegen die Wirtschaft, erzählte Hartkopf von seinen Erfahrungen: Veröffentlichungen aus der Industrie seien auch in der Wissenschaft die Minderheit, die Wirtschaft könne „weder von Menge noch von der Qualität her mithalten“. Einseitigkeit bleibt garantiert.
Blinder Fleck
Der ehemalige Staatssekretär artikulierte den blinden Fleck der Umweltdebatte: Vorzüge von Klima- und Umweltrestriktionen werden thematisiert, aber die gesellschaftlichen Nachteile der Politik nicht ebenso moralisierend gegenüberstellt.
Zaghafte Versuche von SPD-Politikern, etwa dem Bundesenergieminister Werner Müller Anfang der 2000er oder SPD-Chef Sigmar Gabriel 2013, die sozialen Folgen einer teuren, von den NGOs befeuerten grünen Energiewende samt Atomausstieg zu thematisieren (mittlerweile mehr als 500 Milliarden Euro Kosten, mehrere Billionen in Planung), fanden keinen Resonanzraum – genau wie es Günter Hartkopf vorhergesagt hatte. Die NGOs und ihr Geschäftsmodell hatten freie Bahn. Axel Bojanowski
Der Text ist ein ergänzter Ausschnitt aus meinem Buch „Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Der Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft“.









