"Klimapolitik ist keine einfache moralische Entscheidung zwischen Gut und Böse"
Wo steht die Klimaforschung? Was muss beim Klimaschutz getan werden? Einer der renommiertesten Klimaforscher zieht Bilanz: Hans von Storch
Dies ist ein Gastbeitrag von Hans von Storch
Hans von Storch ist Klimaforscher und Mathematiker und war Professor an der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Am Max-Planck-Institut für Meteorologie arbeitete er in der Gruppe von Physik-Nobelpreisträger Klaus Hasselmann und wirkte an der Entdeckung des Menschensignals im Klimawandel mit.
1. Die physikalische Klimaforschung ist reif geworden
In den frühen Jahrzehnten der Klimaforschung standen vor allem naturwissenschaftliche Grundlagenfragen im Vordergrund. Man musste zunächst verlässliche Daten gewinnen:
Wie haben sich Atmosphäre und Ozeane in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Welche Schwankungen gehören zur natürlichen Variabilität des Klimasystems, welche lassen sich dem menschlichen Einfluss zurechnen?
Und lassen sich Modelle entwickeln, die Atmosphäre, Ozean, Eis, Landoberflächen und Kohlenstoffkreislauf so miteinander koppeln, dass sie plausible Aussagen über künftige Entwicklungen erlauben?
Diese Aufgaben sind, jedenfalls in ihren Grundzügen, seit den 1990er-Jahren erfolgreich bearbeitet worden.
Klaus Hasselmanns Konzept von Detektion und Attribution hat gezeigt, dass die beobachteten Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte nicht allein durch interne Klimavariabilität erklärbar sind. Erst wenn die vom Menschen freigesetzten Treibhausgase einbezogen werden, ergibt sich ein stimmiges Bild.
Das bedeutet nicht, dass die physikalische Klimaforschung abgeschlossen wäre. Modelle müssen weiter verbessert, kleinskalige Prozesse besser aufgelöst, regionale Aussagen präzisiert und offene Fragen wie Kipppunkte sorgfältig untersucht werden.
Aber die große Rolle der physikalischen Klimaforschung als dominanter politischer Ratgeber nähert sich ihrem Ende. Die zentrale Aussage steht: Die Emissionen der Menschheit verändern das Klima. Die schwierigere Frage lautet nun: Was folgt politisch daraus?
2. Klimaschutz und Anpassung gehören zusammen
Aus dem Wissen des Klimawandels als Folge menschlicher Emissionen ergeben sich grundsätzlich zwei Handlungsoptionen:
Erstens kann man versuchen, den Klimawandel zu begrenzen, indem man Emissionen mindert oder beendet. Man spricht von Mitigation, im Deutschen meist Klimaschutz genannt.
Zweitens kann man sich auf jenen Wandel einstellen, der bereits eingetreten ist oder künftig nicht mehr vermieden werden kann. Das läuft unter dem Begriff der Anpassung.
Diese beiden Optionen werden im öffentlichen Diskurs bisweilen gegeneinander ausgespielt. Anpassung gilt dann als Ausweichen, als Kapitulation oder als Ablenkung vom eigentlichen Ziel, nämlich der möglichst vollständigen Emissionsminderung. Diese Gegenüberstellung ist nicht zielführend.
Es geht nicht um “Klimaschutz oder Anpassung”, sondern um “Klimaschutz und Anpassung”.
So viel Klimaschutz wie möglich – und so, dass Kosten, Nebenwirkungen, Zielkonflikte und unvermeidliche Veränderungen mit bedacht werden. Denn selbst bei erfolgreicher Minderung der Emissionen verschwinden bestehende Risiken nicht.
Hitzewellen, Starkregen, Sturmfluten oder Trockenperioden werden weiterhin auftreten. Klimaschutz kann künftige Verschärfungen begrenzen, aber er schafft Extremereignisse nicht ab. Anpassung ist deshalb kein Ersatz für Klimaschutz, sondern dessen notwendige Ergänzung.
3. Die richtige Mischung ist keine rein wissenschaftliche Frage
Wie viel Mitigation, wie viel Anpassung, welche Kosten und welche Prioritäten? Diese Fragen lassen sich nicht aus den Klimaänderungsszenarien mit Klimamodellen beantworten.
Sie gehören in den Bereich politischer Abwägung. Nobelpreisträger wie William Nordhaus oder Klaus Hasselmann haben versucht, das Verhältnis von Vermeidung und Anpassung als Optimierungsproblem zu denken: Welche Maßnahme verursacht welche Kosten, welcher Nutzen steht ihr gegenüber, welche Schäden werden vermieden?
Doch schon die Frage, wie Kosten und Nutzen gemessen werden, ist keine rein technische. Rechnet man in Geld? In Menschenleben? In Lebensqualität? In ökologischer Stabilität? In Moral? In Entwicklungschancen ärmerer Länder? Jede dieser Perspektiven führt zu anderen Gewichtungen.
Hinzu kommt: Klimawandel ist nicht das einzige gesellschaftliche Problem. Krieg, Pandemie, Migration, Inflation, Armut, Energieversorgung, innere Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität konkurrieren um Aufmerksamkeit und Ressourcen.
Wer das Klimaproblem als absolut vorrangig setzt, blendet diese Konkurrenz aus. In Wirklichkeit muss Politik Zielkonflikte bearbeiten. Genau darin besteht ihre Aufgabe.
Wissenschaft kann sagen: Es gibt ein Problem. Sie kann Handlungsoptionen und deren Folgen beschreiben. Aber sie kann nicht demokratische Entscheidungen ersetzen.
4. Kritik an aktivistisch-medialer Verengung
Der öffentliche Klimadiskurs in westlichen Gesellschaften ist stark durch aktivistische und entsprechende mediale Deutungen geprägt.
Zwischen wissenschaftlichen Befunden und gesellschaftlicher Wahrnehmung stehen nicht einfach neutrale Vermittler, sondern Akteure mit Interessen: Experten, NGOs, Medien, Aktivisten, politische Gruppen.
Ihre Beiträge sind in einer Demokratie legitim, aber sie sind nicht identisch mit „der” Wissenschaft. Besonders problematisch sei die seit Jahrzehnten wiederkehrende Behauptung, es sei nur noch wenige Jahre Zeit, sonst sei alles verloren.
Solche Warnungen passen zu älteren kulturellen Narrativen: „Die Natur schlägt zurück“, „der Mensch zerstört die Erde“, „die jetzige Generation ist die letzte Generation“. Dadurch erhalten sie zunächst Resonanz, die aber nicht nachhaltig erhalten werden kann.
Die Folge dieser Deutung ist eine politische Verengung. Von den zwei Optionen Klimaschutz und Anpassung bleibt in vielen Debatten praktisch nur noch Klimaschutz übrig. Anpassung wird moralisch verdächtig gemacht.
Damit diese Einseitigkeit plausibel wirkt, müssen erwartete Klimaschäden als nahezu unbegrenzt hoch erscheinen. Dann scheint jede heutige Vermeidungsmaßnahme billiger als jede künftige Anpassung. Genau diese Dramaturgie ist kritisch zu sehen.
5. Demokratie statt Technokratie
Wenn Klimapolitik mit anderen gesellschaftlichen Zielen konkurriert, kann sie nicht technokratisch festgelegt werden. Es genügt nicht, auf Experten zu zeigen und zu sagen: „Die Wissenschaft verlangt dies.“
Die Wissenschaft verlangt nichts. Sie beschreibt Zusammenhänge, Wahrscheinlichkeiten, Risiken und mögliche Folgen. Forderungen entstehen erst, wenn wissenschaftliche Aussagen mit politischen Zielen, Werturteilen und gesellschaftlichen Prioritäten verbunden werden.
Deshalb ist Demokratie kein Hindernis, sondern der angemessene Rahmen der Klimapolitik. Autokratische Systeme mögen auf den ersten Blick handlungsfähiger erscheinen. Sie können schneller Verbote erlassen oder Großprogramme durchsetzen.
Aber sie sind schlechter darin, Zielkonflikte friedlich, transparent und korrigierbar auszuhandeln. Klimapolitik berührt nahezu alle Lebensbereiche: Energie, Mobilität, Bauen, Landwirtschaft, Industrie, Konsum, Wohlstand, regionale Entwicklung.
Solche Eingriffe brauchen Legitimation. Sie müssen begründet, kritisiert, verändert und notfalls zurückgenommen werden können. Eine demokratische Gesellschaft muss also nicht nur wissen, was naturwissenschaftlich plausibel ist.
Sie muss auch entscheiden, welche Zumutungen sie akzeptiert, welche Alternativen sie bevorzugt und wie sie mit anderen Herausforderungen umgeht.
6. Lokaler Klimaschutz wirkt nur, wenn er global anschlussfähig ist
Der Klimawandel ist ein globales Problem. Entscheidend ist die Gesamtmenge der seit Beginn der Industrialisierung freigesetzten Treibhausgase. Daraus folgt: Lokale oder nationale Emissionsminderung ist zwar sinnvoll, aber allein nicht ausreichend.
Wenn Deutschland seine Emissionen vollständig beendete, wäre das ein Beitrag, ein sehr kleiner, aber keine Wende des globalen Klimageschehens. Ähnliches gilt sogar für Europa.
Deshalb kommt es darauf an, ob lokale Maßnahmen internationale Wirkung entfalten. Eine Technologie, eine politische Idee oder ein institutionelles Modell ist dann klimapolitisch relevant, wenn es weltweit übernommen, verbessert und skaliert werden kann.
In diesem Sinne können nationale Vorreiterrollen sinnvoll sein, aber nur, wenn sie andere Länder überzeugen oder befähigen, ähnliche Wege zu gehen.
Erneuerbare Energien als positives Beispiel: Deutschland hat mit Förderung und Marktausbau dazu beigetragen, Technologien zu verbilligen und global verfügbarer zu machen.
Als negative Beispiele sind der Ausstieg aus der Kernenergie und den Verzicht auf Carbon Capture and Storage zu nennen. Solche Entscheidungen mögen innenpolitisch erwünscht sein, aber sie liefern global kaum ein überzeugendes Modell, wenn andere Länder weiterhin sichere, bezahlbare und emissionsarme Energie benötigen.
7. Negative Emissionen werden unterschätzt
In der deutschen Debatte wird häufig so gesprochen, als bestehe Klimapolitik vor allem darin, Emissionen zu beenden. Das ist unvollständig. Selbst wenn die Welt ihre Netto-Emissionen bis etwa Mitte des Jahrhunderts auf null senken wollte, würden nach 2050 voraussichtlich erhebliche negative Emissionen nötig.
Gemeint ist: CO₂ muss aktiv wieder aus der Atmosphäre entfernt werden.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Aufforstung wird oft genannt, besonders von Laien. Wälder speichern Kohlenstoff, aber der Beitrag ist begrenzt, wenn er global spürbar sein soll.
Große Aufforstungsprogramme brauchen riesige Flächen und geraten schnell in Konkurrenz zu Landwirtschaft, Siedlungen, Biodiversität oder anderen Landnutzungen. Auch die Idee, Biomasse dauerhaft zu vergraben oder anderweitig zu speichern, wirft erhebliche praktische Fragen auf.
Die zweite Option sind technische Verfahren zur CO₂-Entnahme aus der Luft. Solche Anlagen existieren bereits im kleinen Maßstab, sind aber energieintensiv, teuer und technologisch noch weit von globaler Relevanz entfernt.
Sie bräuchten Jahrzehnte der Entwicklung. Gerade in einem technikskeptischen politischen Klima wie in Deutschland ist fraglich, ob diese Option ernsthaft verfolgt werden kann. Trotzdem führt an der Debatte über negative Emissionen kaum ein Weg vorbei.
8. Geoengineering ist theoretisch wirksam, politisch riskant
Neben Emissionsminderung und CO₂-Entnahme gibt es eine dritte Kategorie möglicher Eingriffe: Geoengineering. Dabei geht es nicht darum, die Ursache des Problems, die erhöhte Treibhausgaskonzentration, direkt zu beseitigen, sondern ihre Wirkung zu kompensieren.
Besonders diskutiert wird Strahlungsmanagement: Aerosole könnten in der Stratosphäre ausgebracht werden, um einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All zu reflektieren.
Theoretisch ließe sich dadurch die globale Mitteltemperatur beeinflussen. Doch das Problem ist nicht nur die globale Mitteltemperatur. Klima ist regional.
Temperatur, Niederschlag, Windmuster, Monsune, Dürren oder Sturmverhalten könnten sich unterschiedlich verändern. Ein Eingriff, der global kühlend wirkt, kann regional unerwünschte Folgen haben.
Noch gravierender sind Governance-Probleme:
Wer dürfte ein solches Programm starten?
Ein einzelner Staat? Eine Staatengruppe?
Eine NGO? Ein Milliardär?
Was geschieht, wenn manche Regionen profitieren und andere geschädigt werden?
Und was, wenn ein solcher Eingriff plötzlich beendet werden muss?
Geoengineering ist kaum eine Lösung, sondern als riskante Option, die theoretisch denkbar, politisch aber hochgefährlich ist.
9. Anpassung ist lokal, konkret und oft sofort nützlich
Anpassung unterscheidet sich grundlegend von Mitigation. Während Emissionsminderung nur global wirklich wirksam wird, entstehen Klimafolgen regional und lokal.
Eine Hitzewelle bedeutet in Indien etwas anderes als in Finnland. Starkregen wirkt in engen Tälern anders als in flachen Landschaften. Küstenstädte haben andere Risiken als Binnenregionen. Deshalb muss Anpassung vor Ort gedacht werden.
Dazu gehört zunächst Beobachtung. Man muss wissen, wie sich Meeresspiegel, Tidenhub, Starkregen, Bodenfeuchte, Hitze, Schneehöhen oder Sturmböen verändern. Wetterdienste und hydrologische Dienste spielen dabei eine zentrale Rolle; auch lokale Messungen, etwa durch Schulen, könnten beitragen.
Anpassung braucht Daten, aber auch Planung. Beispiele sind Stadtentwässerung bei Starkregen, Schutz vor Hochwasser, Vorsorge für Senioren bei Hitzewellen, Küstenschutz, Bauvorschriften, Flächenplanung und Risikokarten. Das deutsche Klimaanpassungsgesetz verpflichtet Kreise und Gemeinden, Risiken zu erfassen und Maßnahmen vorzubereiten.
Ein großer Vorteil: Anpassung hilft nicht nur gegen künftige Klimaverschärfungen. Sie schützt auch vor seltenen, historisch belegten, aber meist vergessenen Extremereignissen.
Die Ahrflut 2021 zeigt, dass Verwundbarkeit nicht erst durch Klimawandel entsteht. Schlechte Vorsorge, riskante Bebauung, fehlende Warnketten oder unzureichende Infrastruktur können Katastrophen verschärfen.
10. Panik ist kein Konzept
Panik und Weltrettungsrhetorik mögen berauschen, bringen aber nichts Positives.
Gerade deshalb eignet es sich nicht als Projektionsfläche für allgemeine Gesellschaftsutopien. Wer suggeriert, mit der „Rettung des Klimas“ würden zugleich Kapitalismus, Krieg, Armut, Krankheit, Rassismus und alle anderen Übel der Welt beseitigt, nimmt das konkrete Klimaproblem nicht ernst, sondern macht es zum Vehikel umfassender “Weltverbesserung”.
Auch die Aufforderung, angesichts des Klimawandels in Panik zu geraten, ist verfehlt. Panik verengt den Blick, entwertet Abwägung und begünstigt symbolische Radikalität.
Eine rationale Klimapolitik braucht dagegen Nüchternheit: Emissionen müssen gesenkt werden, wo dies wirksam, bezahlbar und global anschlussfähig ist. Technische Optionen wie CO₂-Entnahme dürfen nicht tabuisiert werden.
Anpassung muss als gleichrangige Aufgabe ernst genommen werden. Und politische Entscheidungen müssen demokratisch legitimiert bleiben.
Kernbotschaft
Die Kernbotschaft lautet daher: Klimapolitik ist keine einfache moralische Entscheidung zwischen Gut und Böse. Sie ist eine schwierige, dauerhafte und konfliktreiche Gestaltungsaufgabe.
Wissenschaft kann sie unterstützen mit Wissen über Wirkung und Nebenwirkung, über Optionen, aber das Politische in der Klimapolitik nicht ersetzen.
Vernünftige Politik verbindet Klimaschutz, Anpassung, Innovation und demokratische Abwägung – ohne Erlösungsversprechen und ohne Panik.



