So funktioniert Propaganda
Grundschüler brandmarken in einer Theateraufführung die Zerstörung eines Waldes - doch die Ursache müssen die Kinder verschweigen: Klimapolitik
Ein Gastbeitrag von Hans Martin Esser
Prolog
Im Rahmen eines alljährlich stattfindenden Theaterstücks, das an den Namensgeber der Schule, einen kinderlosen Adligen aus dem 14.Jahrhundert erinnern soll, wurde unser elterlicher Gleichmut auf die Probe gestellt. Das Stück fand in der nordrhein-westfälischen Provinz statt, aber das ist insofern egal, da auch andernorts der ideologische Wind so weht.
Die Kinder der unteren Klassen traten in mittelalterlichen Ritterkostümen auf, während die Viertklässler, gerade einmal rund neun Jahre alt, Sprechrollen auf der Bühne erhielten. Die Ausgangslage ist recht einfach: in seinem Testament hatte der Namensgeber der Grundschule verfügt, dass sein großes Waldgebiet der Erzdiözese nach seinem Tode zufallen solle.
Gleichzeitig solle laut Vermächtnis jährlich seiner gedacht werden, indem die Honoratioren seiner Heimat sich in seinem Namen treffen und den Kindern eine kleine Speise geben sollten. So weit so gut. Nun hatte seine Entscheidung durchaus eigennützige Züge: es ging ihm als Kinderlosen ohne Erben um sein Seelenheil.
Erster Akt
Ein Theaterstück, das also in seinem Namen stattfindet und eine Stunde dauert, sollte dies thematisieren und ihn auch in den Mittelpunkt stellen. Da aber religiös-metaphysische Ebenen zeitgemäß interpretiert werden und Geschichte leider auch zeitgenössisch instrumentalisiert wird, zumal an einer staatlichen Schule, widmete sich das Stück ausschließlich dem Wald als vermeintlichem Ökoparadies. Gaia als alte vorchristliche Erdgöttin lässt grüßen.
Tatsächlich wird der Stadtwald zurzeit drastisch angegriffen. So entstehen zurzeit die ersten von rund 30 Windrädern von bis zu 270 Metern Höhe im angrenzenden Wald, einem Naherholungsgebiet, gerade einmal vier Kilometer Luftlinie entfernt vom Ort des Theaterstücks. Allein die Rotorblätter haben einen Durchmesser von knapp 80 Metern.
Der Unmut in der Gemeinde ist vernehmbar. Entsprechend wurden bei der Kommunalwahl die Grünen abgestraft, indem sie rund 40 Prozent ihrer Wähler verloren. Das Theaterstück der Grundschule griff insofern das Thema auf, verzerrte es aber bis zur Unkenntlichkeit. Hier setzt die Kritik an.
Zweiter Akt
So traten die Kinder auf die Bühne und spielten eine fiktionale Ratssitzung nach, in der Interessengruppen ihre Wünsche äußerten, die allesamt mit der Abholzung des Waldes zu tun hatten. Eine als Ladyboss verkleidete Schülerin forderte in ihrer Rolle zum Beispiel die Errichtung eines Luxushotels, andere wollten den Wald roden, um Hochhäuser beziehungsweise Golfplätze und Straßen zu errichten.
Golfplätze, Hochhäuser und Luxushotels: diese Kombination kennen wir von Donald Trump. Bevor er US-Präsident wurde, waren dies seine Geschäftsfelder. Die kleine Theatervorführung, übrigens für die Schüler und mithin auch die Eltern eine am Wochenende stattfindende Pflichtveranstaltung, legte also geradezu perfide die Assoziation nahe, dass nicht aus Klimaschutzgründen, wie tatsächlich der Fall, sondern in Form diffuser Profit-Interessen dem Wald sein Ende drohe.
Das Bild des gierigen Kapitalisten als Bösewicht kann so assoziativ an einem Sündenbock andocken. So funktioniert Propaganda: Tatsachenverbiegung gepaart mit Klischees, die kausal auf den einen Sündenbock zusteuern.
Dritter Akt
Perfide ist derlei auch deshalb, weil die Eltern als Publikum natürlich Applaus spendend das Stück begleitet haben. Die Darbietung der (eigenen) Kinder, die das von Erwachsenen geschriebene Skript mit Mühe auswendig lernten, wird also enthusiastisch begleitet, auch wenn der Inhalt eine Zumutung ist. So ziemlich jedes antikapitalistische Klischee wurde bemüht. Insofern lässt sich auch dies universalisieren. Es trifft auf so ziemlich jede deutsche Bühne zu.
Ganz am Rande gab es eine kleine kritische Anmerkung, die im Stück allerdings unterging: der Wald solle aus Klima- und Umweltschutzgründen gerodet werden. Das war der einzige Satz in einer Stunde, der des Pudels Kern traf.
Man nennt so etwas Burying: unter einem Konvolut von Ablenkungen verbirgt man sozusagen die eigentliche Information. Das Problem wurde benannt, allerdings so verdeckt, dass es nicht wahrnehmbar war. Der rosafarbene Elefant im Laden wird so nicht adressiert.
Vierter Akt
Geradezu verstörend war es ferner, dass die Waldrodung auf der Bühne so verarbeitet wurde, dass mit der Abholzung Feuer und Tod verbunden wurden.
Schwarze Pädagogik und mittelalterliche Höllenvorstellungen wie auf einem Hieronymus-Bosch-Gemälde oder in der Göttlichen Komödie fanden auf der Grundschul-Bühne 2025 statt. Insofern repliziert man allenfalls so das 14.Jahrhundert.
Fünfter Akt
Anfangs wurde erwähnt, dass anstelle des christlichen Überbaus ein neuer – strafender - Gaia-Kult getreten ist. 2019 war deren Anführerin Greta Thunberg auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Auch sie war seinerzeit noch ein Kind, wirkte von ihrer Physiognomie wie einem Gemälde Jan van Eycks oder Hans Memlings entsprungen und konnte insofern religiöse Archetypen replizieren.
Auch ihre Auftritte hatten stets etwas Theatralisches an sich, das die Substanzschwächen übertünchte. Damals, also im Jahr 2019, fand von derselben Schule ausgerichtet ein Theaterstück statt, in dem den Schülern Texte in den Mund gelegt worden sind, die insinuierten, Donald Trump wolle den Wald kommerzialisieren und ausbeuten, während Greta dem entgegen träte in Verbindung mit dem Aufstand der Kinder auf der Bühne.
Die weitere Parallele der beiden Theaterstücke von 2019 und 2025 ist folgende: man konnte der komplizierten Wortwahl anmerken, dass die gerade einmal Neunjährigen gar nicht wirklich wussten, was sie da sagten. Folglich kam es auch zu einer Reihe von Versprechern, da sie die Begriffe oft gar nicht kannten.
Außerdem wurde den lieben Kleinen insofern eine Empowerment-Illusion vorgegaukelt, eine Selbstwirksamkeit, die allerdings keine reale Entsprechung findet.
Epilog
Nach der Aufführung sammelte man sich bei Bratwurst und Waffeln, trank mit Oma einen Orangensaft und ging brav nach Hause und stieg weder den Ratsherren noch den Investoren aufs Dach, die den Wald mit der Windrad-Skyline verunstalten. Es geschah nichts. Alles verpuffte im Applaus, dem sich nur wenige Eltern verweigerten.
Es entbehrt insofern nicht einer machtdialektischen Komik, wenn nun dieser Wald in der nordrhein-westfälischen Provinz 6 Jahre nach der Greta-Euphorie gerade deshalb gerodet wird, um mehr als zwei Dutzend hochhaushohe Windanlagen dorthin zu klotzen. Es gibt nur eine Handvoll Städte auf der Welt, die mehr als zwei Dutzend Gebäude von mehr als 250 Meter Höhe als Skyline zu bieten haben, so New York, Dubai und Shenzhen.
Eltern zu sein in einem durch und durch einseitig politisierten Schulumfeld fällt zunehmend schwer, zumal die Realität anders aussieht. Nicht selten raten einem Bekannte gar davon ab, derlei kritisch gegenüber Schulleitungen und Lehrerkollegium zu erwähnen. Ein erschreckender Korps-Geist wider jede Tatsache greift Raum. Applaus simuliert Plausibilität. Warum eigentlich?
Über den Autor:
Hans Martin Essers Buch “Die große Klammer. Eine Theorie der Normalität” (Kulturverlag Kadmos, 2019) liefert eine prägnante Theorie, wie „Normalität“ entsteht, es prägte den Begriff der “Neuen Normalität”. Sein Essay “Polemik. Ein philosophischer Beipackzettel: Von American Psycho bis Žižek” (Kulturverlag Kadmos, 2022) erklärt zentrale Ideen und Streitfragen der Philosophie, um Kultur, Politik und Polemik klüger zu lesen.




