Warum sich Deutschland Jahrzehnte lang täuschen ließ – Einblicke eines Energiewende-Insiders
Wie er vom Profiteur zum Skeptiker deutscher Klimapolitik wurde und was ihn misstrauisch machte, erzählt ein Physiker im Gastbeitrag
Dies ist ein Gastbeitrag von Björn Peters
Dr. Björn Peters ist Physiker, Energieökonom, Autor und Unternehmer. Mit Stationen bei McKinsey, Deutsche Börse und Deutsche Bank arbeitet er seit 25 Jahren an der Schnittstelle von Naturwissenschaft, Finanzindustrie und Energie. Peters gründete Real-Asset-Fonds, war Finanzchef von Dual Fluid Energy und berät heute Regierungen und Unternehmen in Energiestrategie.
Als Begründer moderner Statistischer Energiemeteorologie ist er Autor zahlreicher Fachartikel und eines Buches über Ökologischen Realismus sowie Präsident des Vorstands und Leiter Energiepolitik des Deutschen Arbeitgeberverbands. Zuletzt gründete er die Debattierschule Energiepolitik.
Vorab: Mein Wendepunkt
„Herr Doktor Peters, als Partei können wir nicht gegen etwas arbeiten, wir müssen für etwas arbeiten. Machen Sie sich mal Gedanken darüber, was das sein könnte!“
Dieser Satz meines politischen Mentors Dr. habil. Stefan Ruppert, damals Landesvorsitzender der FDP und Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag aus dem Jahr 2015 war für mich ein Wendepunkt im Denken.
Zugleich war er Anlass, meine eigene Geschichte mit der Energiewende neu zu sortieren: vom begeisterten Banker, der Milliarden in die Energiewende lenken wollte, hin zu jemandem, der öffentlich sagt: Die Energiewende fährt die deutsche Volkswirtschaft an die Wand.
Der Anfang: Geschäfte mit der Energiewende
2008 war ich Mitarbeiter bei der Deutsche Börse und offen für berufliche Veränderungen. Ein frisch beförderter Geschäftsführer der DWS, zuständig für geschlossene Fonds, wollte mit mir sprechen. Seine Frau, eine geschätzte Kollegin bei der Deutschen Börse, hatte den Kontakt hergestellt.
Wir trafen uns bei einem ausgedehnten Mittagessen in einem Frankfurter Nobel‑Italiener.
Er suchte nach einem Geschäftsmodell für eine Abteilung für geschlossene Fonds, die er gerade übernommen hatte, und Ideen für neue Fondsprodukte. Ich legte ihm dar, was mir offensichtlich schien: Die Energiewende würde enorme Kapitalströme auslösen.
Deutschland wollte seine Energieversorgung umbauen, hunderte Milliarden müssten in Netze, Windparks, Photovoltaik, Biogas, später vielleicht Speicher investiert werden. Für eine Fondsgesellschaft wie die DWS war das eine Chance – nicht nur, um Renditen zu erwirtschaften, sondern um „etwas Gutes“ zu unterstützen.
Die Idee verfing. Im Nachgang warb ich bei der DWS‑Geschäftsführung darum, dass ich dort in verantwortlicher Rolle einsteigen könnte. Es folgten Gespräche mit potenziellen Kollegen, dem Europachef, am Ende sogar mit einem Manager, der direkt an einen Deutsche‑Bank‑Vorstand berichtete.
Ich war so überzeugt von der Energiewende, dass ich offensichtlich recht überzeugend auftreten konnte.
Verführerische Energiewende
Zwischen 2008 und 2010 prüfte und strukturierte ich über hundert Geschäftsmodelle im Bereich Photovoltaik, Wind und Biomasse: Projektfinanzierungen, Fondsstrukturen, Beteiligungsmodelle. Ich lernte die Energiewende aus dem Maschinenraum kennen, also aus Term Sheets, Cashflow‑Modellen und Due‑Diligence‑Berichten.
Die Logik war verführerisch: Die Kombination aus politisch garantierten Einspeisevergütungen, für 20 Jahre gesichert, mit einer Fortschrittserzählung, die die Energiewende mit industrieller Modernisierung verband, vernebelte die Köpfe vieler Entscheidungsträger in der Zeit.
Rückblickend war das meine Paulus‑Phase: Ich glaubte, wie alle anderen in meinem Umfeld, dass sich die Welt auf eine nahezu Vollversorgung aus „erneuerbaren“ Energiequellen zubewegen würde, dass sich das alles „von selbst rechnet“, wenn man nur genug investiert, und dass die technischen Probleme überwindbar wären.
Erste Zweifel – sonderbare Finanzierung
Schnell sprach sich herum, dass die DWS nun einen dedizierten Kraftwerksfinanzierer hatte, und wöchentlich erhielt ich Angebote, in einen Wind- oder Solarpark zu investieren. Viele dutzende dieser Projekte sah ich mir näher an.
Die Finanzierungsstrukturen waren sonderbar.
Bei Windkraft muss man wissen, dass die Sensitivität der Wirtschaftlichkeit hoch ist: Jedes Prozent Änderung im durchschnittlichen Windaufkommen bewegt die Erlöse um drei Prozent nach oben oder unten.
Dennoch wurden die Projekte mit 80 Prozent Fremdfinanzierung schön gerechnet – ein viel zu hohes Risiko in den Zeiten, in denen der Wind schwächelt und in denen man keine robusten Daten über die Variabilität der jährlichen mittleren Windgeschwindigkeiten hatte.
Sowohl bei Wind- als auch bei Solarprojekten war zudem immer daran zu denken, dass ihre Einkommen politisch vorgegeben waren.
Die daraus erwachsenden politischen Risiken sind schwer zu quantifizieren aber extrem teuer, wenn sie eintreten – so wie nach 2010, als Spanien, Italien und Tschechien die PV-Einspeisetarife rückwirkend absenkten oder Ausbaumoratorien verkündeten.
Mir war das zu riskant und ich fokussierte mich stattdessen auf Wasserkraft. Diese ist eine bewährte Technologie, mit besserer Datenlage, und so lancierten wir Anfang 2012 den ersten Wasserkraftfonds Europas.
Ich suchte nach Belegen – aber fand nichts
Dank meiner Expertise für Wasserkraft erhielt ich später im Jahr 2012 gleich vier verschiedene Anfragen für Pumpspeicherkraftwerke – drei im Alpenraum, eines in Deutschland.
Pumpspeicher galten bis dahin als Gelddruckmaschinen der Versorger. Wenn Projektentwickler damit zu einem Banker kamen, war allerdings Vorsicht angebracht.
Ich suchte nach Literatur zur Wirtschaftlichkeit von Pumpspeichern – und fand nichts. Die einzige größere Änderung im Markt war der gestiegene Anteil wetterabhängiger Erzeuger.
Das war der Beginn meiner eigenen Energiesystemrechnungen.
Ich begann, Lastprofile und Einspeisedaten, Preissignale und Kraftwerksfahrpläne systematisch zu analysieren. Die einfache Frage lautete: Wenn wir immer mehr Wind und PV ins System drücken – was heißt das für Speicher, Netze und thermische Kraftwerke?
Beunruhigendes Muster
Als Physiker hatte ich mich in der Promotion intensiv mit Zeitreihenanalyse beschäftigt. Das kam mir nun zugute.
Ich beschaffte stündliche Verbrauchsdaten und – soweit verfügbar – Einspeiseprofile von Wind- und Solaranlagen. Wo Daten fehlten, nutzte ich synthetische Zeitreihen von der 100‑Prozent‑Erneuerbar‑Stiftung.
Was ich fand, ließ sich einfach zusammenfassen: Je höher der Anteil der wetterabhängigen Erzeuger, desto größer werden die Abweichungen zwischen Erzeugung und Last, und desto häufiger treten Extremsituationen auf – Dunkelflauten und Überangebot, das „irgendwie“ verarbeitet werden muss.
Thermische Kraftwerke mussten immer öfter im Teillastbereich betrieben oder kurzfristig hoch- und heruntergefahren werden – mit schlechterem Wirkungsgrad, höherem Verschleiß und steigenden spezifischen Emissionen. Pumpspeicher verloren an Attraktivität, weil Preisspitzen seltener und weniger häufig wurden.
Mir wurde klar: Die Herausforderungen beim Umstieg auf wetterabhängige Energien wachsen nicht linear mit ihrem Marktanteil – sie explodieren.
Wie konnte das sein?
Ab der Zeit begann ich, diese Ergebnisse öffentlich zu präsentieren – vor Energieversorgern, Regulierern, aber auch vor Laienpublikum. Als Banker, der „objektiv rechnet“, wird man gerne eingeladen.
Ich zeigte, wie sich das Marktgeschehen je nach Wetterlage verändert, wie viele und welche zusätzlichen Flexibilitätsoptionen wie Speicher oder Lastmanagement notwendig wären, um wachsende Anteile von Wind und PV ins Stromnetz zu integrieren.
Die Reaktionen hatten ein charakteristisches Muster: Interessierte Nachfragen von Zuhörern, aber auch erkennbare Überraschung – man hatte in dieser Tiefe offenbar nicht darüber nachgedacht.
Mich überraschte dies: Wie konnte es sein, dass ich als Banker den Profis in der Energiewirtschaft Neues beibringen konnte? Warum stand in den relevanten Studien der wissenschaftlichen Institute nichts davon?
Noch 2012 gab es von der normalerweise hoch angesehenen Fraunhofer-Gesellschaft Studien, in denen das Funktionieren der Energiewende mit der Analyse von sechs Wochen (!) an Wetterdaten begründet wurde.
Auf den Seiten von Ministerien und in den Hochglanzbroschüren der Industrielobby waren Sätze zu lesen wie „Irgendwo weht immer der Wind“. Das ist eine klar quantifizierbare Aussage.
Wir waren Pioniere
Um dies besser zu verstehen, musste ich die Wetterseite besser verstehen.
2015 begann eine Kooperation mit dem Institut für Atmosphärenphysik der Universität Mainz. Unser Ziel war, die raum‑zeitlichen Muster von Wind und Sonne mit dem Stromsystem zu verknüpfen – wie es sich gehört über mehrjährige Zeiträume.
Wir nahmen Kontakt zum Deutschen Wetterdienst, genauer zum Hans‑Ertel‑Zentrum für Wetterforschung, auf, und erhielten Daten des Reanalysemodells COSMO‑REA6 für die weitere Analyse. So konnten wir für Deutschland stündliche Wetterdaten über Jahre hinweg in simulierte Stromproduktion aus Wind und PV übersetzen.
Was verwunderte: Wir waren die Ersten, die sich für diese Daten im Zusammenhang mit Energiesystemmodellierung interessierten.
Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Hier wurde, zumindest im deutschsprachigen Raum, die „Statistische Energiemeteorologie“ begründet – eine Disziplin, die systematisch fragt, was großräumige Wetterstatistik für ein Stromsystem bedeutet.
Eine Masterarbeit konnte finanziert werden, für eine Doktorandenstelle konnte aber kein Geld aufgetrieben werden – was viel über die Prioritätensetzung unserer Forschungslandschaft und ihre Innovationsfeindlichkeit aussagt.
Warum haben sich alle täuschen lassen?
Auch Politiker wurden auf mich aufmerksam. Ich erhielt Einladungen, gerade auch in „meiner“ FDP.
Die zuständigen Fachpolitiker übernahmen meine Erkenntnisse, ich schrieb mit dem Landesvorstand Hessens einen Antrag und hielt 2014 die erste und letzte Landesparteitagsrede meines Lebens. Meine Forderung, aus dem EEG auszusteigen, wurde einstimmig gebilligt und ein Jahr später vom Bundesparteitag deutschlandweit übernommen.
Im April 2015 dann jenes Telefonat mit Stefan Ruppert. Er brachte in einem Satz auf den Punkt, was mir selbst noch nicht klar war: Kritik allein trägt keine Politik. Wenn man gegen eine bestehende Strategie ist, muss man bessere Alternativen entwickeln und für sie werben.
Dieser Impuls zwang mich, mein Denken zu ändern: Weg von „Warum das nicht funktioniert“ hin zu „Wie könnte eine realistische Alternative aussehen?“.
Im folgenden Jahrzehnt entwickelte ich daraus die Strategie des Ökologischen Realismus: Wie kann das Streben des Menschen nach Wohlstand in einer intakt bleibenden Natur ermöglicht werden? Die Antwort sei hier nur kurz skizziert:
Höherer Wohlstand erfordert wachsende Mengen an Nahrung, Rohstoffen und Energie. Damit diese zur Verfügung gestellt werden können, ohne planetare Grenzen zu sprengen, müssen die Technologien zu ihrer Gewinnung drei Eigenschaften haben: Sie müssen kompakt sein, also möglichst wenig Land und Rohstoffe verbrauchen; sie müssen kreisläufig sein, also möglichst wenig Müll hinterlassen; und sie müssen so kostengünstig sein, dass sie sich ohne politische Eingriffe von selbst am Markt durchsetzen.
Was genau die Probleme bei der Integration von Wetterabhängigen in die Energieversorgung sind, so dass sie sich in unseren Breitengraden nie durchsetzen werden, und warum der Ökologische Realismus tatsächlich ein tragfähiger Lösungsansatz ist, lesen Sie in meinem Buch.
Hier geht es mir um etwas anderes: Wie konnte es sein, dass sich eine gesamte Öffentlichkeit mehrere Jahrzehnte lang täuschen ließ?
Wir wussten es immer schon? Ich sehe es anders
Vor kurzem habe ich meine Erfahrungen in einem Thread auf X zusammengefasst, und zwar in Antwort auf jemand, den ich sehr schätze, und der behauptet hatte, dass man angeblich von vornherein gewusst hätte, dass die Energiewende physikalisch-ökonomisch unmöglich sei.
Ich sehe das anders.
Was ich selbst erlebt habe – siehe oben – widerspricht dem. „Normale“ Menschen sollten in einer normalen Welt nicht über Infrastruktur nachdenken müssen.
Wer überlegt ständig, wie Banküberweisungen funktionieren? Ob die Brücke halten wird, die man gerade überquert? Ob die Telefonverbindung halten wird und warum?
Im täglichen Leben wollen wir uns um Anderes kümmern und erwarten, dass Netzbetreiber, Energieversorger und die beteiligten Wissenschaftler und Verwaltungsbeamte die richtigen Fragen stellen und sie kompetent beantworten oder beantworten lassen.
Für mich selbst bedurfte es mehrerer Jahre der intensiven Befassung mit der Materie aus naturwissenschaftlicher, betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht, bevor ich verstanden hatte, warum die wohlklingenden Versprechen der Energiewende uneinlösbar sind.
Wer nicht diese Zeit investiert, wird entweder länger brauchen oder nie zu dieser Erkenntnis gelangen.
In der Diskussion auf X meldeten sich zahlreiche Ingenieure. Viele schrieben sinngemäß: „Das wussten wir doch schon im Studium in den 1990er‑Jahren. Die Probleme eines fast vollständigen Wind‑ und Solar‑Systems sind trivial.“ Einer schrieb, sein Doktorvater an der RWTH habe ihm das schon Ende der 1990er-Jahre so gesagt.
Bemerkenswert sind mir zwei Dinge:
Einiges Wissen war möglicherweise in den 1990er-Jahren vorhanden – in Lehrveranstaltungen, in Köpfen, in internen Papieren, wenngleich vielleicht auch nur oberflächlich.
Es drang kaum in die öffentliche Debatte und nie in die politische Entscheidungsfindung. Ich hatte nie von den Zweifeln gehört, auch niemand in meinem beruflichen und politischen Umfeld.
Für mich als damals politisch Interessierten, gut informierten und bestens ausgebildeten, energiepolitischen Laien war daher nichts von Zweifeln zu hören.
Weder in der Berichterstattung noch in parlamentarischen Debatten wurden die systemischen Grenzen der Energiewende klar benannt, „die“ Wissenschaft betrieb Schönfärberei und die Ministerien waren Sprachrohre der Industrielobby der EEG-Profiteure.
Es funktioniert nicht – aber niemand dringt damit durch
Etwa im Jahr 2019 beschäftigte ich mich zum ersten Mal mit einem Buchprojekt zur Energiewende. Zunächst sah ich nach, wie viele Bücher es zum Stichwort Energiewende bereits gab.
Bei Amazon fand ich über 400, davon ein Dutzend affirmative Titel. Doch beim großen Rest handelt es sich um Bücher von hochkompetenten Menschen, zumeist Ingenieuren, die eloquent und zielsicher darlegten, warum die Energiewende ein Blindflug sei, bei dem man nicht weiß, wohin man fliegt oder ob man am nächsten Berg zerschellt.
Die Frage ist also:
Wie konnte es passieren, dass eine Gesellschaft ein energiepolitisches Großexperiment startet, ohne dass das vorhandene Fachwissen aufgebaut wird?
Warum haben so viele geschwiegen – oder ihr Wissen nur „unter vorgehaltener Hand“ geteilt? Und wieso gibt es so viele Energie-Fachleute, die Bücher schreiben, die niemand liest und die keinerlei Wirkung auf den öffentlichen Diskurs haben?
Ein möglicher Schluss könnte sein, dass es an der Weisheit meines Mentors lag, dass diese Autoren „Anti-Bücher“ geschrieben haben, aber ohne eigene Lösungen zu präsentieren.
Über andere mögliche Gründe kann man nur spekulieren. Möglich wären:
Karriererisiken: Wer im falschen Moment das falsche sagt, gilt schnell als „Verhinderer“ statt als „lösungsorientiert“ und wird beruflich und sozial kaltgestellt.
Fragmentierung: Ingenieure sahen Teilaspekte, Ökonomen andere, Meteorologen wurden nie gefragt, Energiepolitiker waren ungebildet – daher setzten sie sich nicht zusammen und rechneten das Gesamtsystem durch.
Narrativdominanz: Die Geschichte vom sauberen, dezentralen, billigen, vermeintlich umweltfreundlichen Strom war politisch so attraktiv, dass sie Widerspruch übertönte.
Follow the money: Schon im Frühjahr 2005 sagte die damalige Kanzlerkandidatin Angela Merkel, die Energiewende habe so viele Profiteure geschaffen, dass es nicht mehr möglich sei sie abzuschaffen. Tatsächlich sind die vielen hundert Milliarden an Subventionen ja nicht weg, sondern in den Taschen von Menschen, die flächendeckend über teure PR-Agenturen die Narrative in den Köpfen von Politikern und Journalisten manipulieren.
Mein eigener Weg war der eines naiven Außenseiters: Ich musste das System durchrechnen, weil ich für Pumpspeicher und Fondslösungen Antworten brauchte – und stolperte so in ein Vakuum, in das viele Spezialisten aus unterschiedlichsten Gründen nicht hineingingen.
Und wenn sie es taten, konnten sie die losen Enden der Thematik nicht zusammenführen.
Furcht vor dem Shitstorm
Anfang 2025 erschien mein Buch Schluss mit der Energiewende! Warum Deutschlands Volkswirtschaft dringend Ökologischen Realismus braucht.
Es bündelt die ökonomischen, technischen und politischen Argumente gegen die Illusion eines nahezu vollständig wetterabhängigen Energiesystems und entwirft mit der Strategie des Ökologischen Realismus eine Alternative, die die heutige Klima-, Umwelt- und Energiepolitik weitgehend ersetzen kann.
Aber obwohl das Buch sehr freundlich aufgenommen wurde, sich gut verkaufte und mir zahlreiche Einladungen zu Interviews einbrachte, glaube ich nicht, dass ich mehr erreicht habe als ein paar schon weniger Überzeugte in ihrer vorhandenen kritischen Einstellung zur Energiewende zu bestärken.
In Gesprächen mit Politikern bemerkte ich, dass das Bewusstsein, dass diese Energiepolitik schlimme Folgen für die Wirtschaft hat, wächst.
Gleichzeitig nahm ich eine große Sprach- und Ideenlosigkeit wahr, wenn es um energiepolitische Themen ging. Offensichtlich war die Furcht vor einem Shitstorm in Mainstream-Medien bei vielen Politikern größer als die genuine Sorge um deutsche Betriebe und Verbraucher.
In dieser Situation kam mir die Idee zur Gründung der Debattierschule Energiepolitik.
Wenn ich alleine nicht durchdringe, dann vielleicht, wenn ich vielen jungen Menschen, Fachleuten, Politikern und politisch Engagierten beibringe, wie man energiepolitische Konfliktthemen lebensbejahend, sachlich, datenbasiert und gleichzeitig verständlich diskutiert. Dazu wird es notwendig, schädliche „grüne“ Narrative zu erkennen, zu dekonstruieren und durch bessere zu ersetzen.
Denn die Gespräche mit Politikern haben mir eines gezeigt: Falsche Narrative können, wenn man sie zur Grundlage von Politik macht, direkt zum wirtschaftlichen Niedergang eines Landes beitragen.
Wer das vermeiden will, braucht nicht nur gute Modelle, sondern auch eine neue Erzählung – darüber, was ökologisch und ökonomisch tragfähig ist.
Die wichtigste Lektion
Als mich Stefan Ruppert 2015 aufforderte, „für etwas“ zu arbeiten, hätte ich nicht erwartet, welch große Lernkurve er damit bei mir auslöste. Im Jahr 2008 wollte ich Kapital in eine verheißungsvolle Energiewende lenken, 2015 war ich „nur“ kritisch, heute versuche ich, ihre physikalischen und ökonomischen Grenzen offenzulegen und tragfähigere Lösungen zu formulieren, die Wohlstand in einer intakten Natur aufbauen.
Die wichtigste Lektion für mich lautet: Für große energiepolitische Projekte reichen keine oberflächlichen Werbeversprechen. Konstruktive Energiepolitik muss im Einklang mit Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie stehen.
Sie erfordert zusätzlich rhetorische Fähigkeiten und eine Streitkultur, in der Fachleute unbequeme Wahrheiten aussprechen und politische Akteure sie auch hören wollen; aber auch, dass finanzielle Sonderinteressen einzelner Branchen zurückgestellt werden. Einen Teil dieser Analysen habe ich in meinem Buch über den „Ökologischen Realismus“ aufgeschrieben.
Der andere Teil ist weniger eine Frage von Zahlen als von Diskursqualität: Viele Menschen – in Politik, Medien, Verbänden, Unternehmen – wissen gar nicht, wie man energiepolitische Debatten so führt, dass man „grünes“ Moralisieren durchbricht und am Ende die beste Idee gewinnt.
Genau daran arbeite ich heute in meiner Debattierschule Energiepolitik: Wir üben, systemische Argumente verständlich zu machen, Scheinargumente zu entlarven und Konflikte auszutragen, ohne die Fakten zu verbiegen. Wer das Gefühl hat, dass ihm dafür bisher das Handwerkszeug fehlte, ist dort vielleicht am richtigen Ort.



